Label: Republic Records

Genre: Pop
Ariana Grande platzt der Kragen. In einem Interview zu ihrem achten Studioalbum „Petal“ sprach sie davon, dass die Platte aus „ungefilterter Wut“ heraus entstanden ist. Was bringt einen der größten gegenwärtigen Popstars so in Rage?
Blickt man oberflächlich auf ihre Karriere, könnte man die Frage tatsächlich nicht beantworten: Sechs Alben stiegen bis auf Platz 1 der Billboard-Charts, dazu stehen drei Grammys auf ihrem Kaminsims und zuletzt gab es auch noch Nominierungen für einen Oscar sowie einen Golden Globe-Award für ihre Rolle in „Wicked“. Ariana hat es geschafft und ihre Musikkarriere um eine Schauspielkarriere erweitert. Aber trotzdem gibt es sehr viele Dinge, die die 33-Jährige aufregen: Ihr Liebesleben ist seit Jahren Dauerthema in den Boulevard-Medien, ein Thema, das derzeit nur noch von den öffentlichen Debatten über ihr Aussehen übertrumpft wird. Hinzu kommt noch der ständige Kampf gegen Stalker und Hacker, die ihre Songs klauten und sich daran profilierten.
An den parasozialen Fans arbeitet sie sich auf „Petal“ immer wieder ab, nicht zuletzt in der Leadsingle „Hate That I Made You Love Me“. Der Track wurde sofort zu einem globalen Hit und ist auch sicherlich das größte Highlight der neuen Platte. Kein übermäßig großer Track, eher laidback und relativ wenig stimmliche Extravaganz, die man von ihren Bangern gewohnt ist. Ein Max Martin-Song, der sich für drei Tracks mit Ariana und ihrem Haus- und Hofproduzenten Ilya Salmanzadeh zusammengetan hat. Inhaltlich war das Lied jedenfalls spannender: „Is it really my fault that you all gave me your hearts of your own free will?“.
Spätestens seit „Thank U, Next“ ist Ariana immer wieder am Rand eines veritablen Edgelords unterwegs. Egal ob in ebendiesem Titeltrack ihres fünften Albums oder später in „yes, and?“, legte sie sich unverfroren entweder mit den Medien oder ihrer Gefolgschaft an. „Why do you care so much whose dick I ride?“ hieß es da. Auf „Petal“ wird sie im Song „Like I Do“ ähnlich explizit: „You need me like I you / ‘Cause no one fucks you like I do“. Abrechnung mit dem Ex und der Presse, die aus allem eine Schlagzeile formen – hier kommt sogar noch ein härterer Beat zum Einsatz, was man sonst nicht so häufig sagen kann.
Jetzt, inmitten ihrer „Eternal Sunshine Tour“ erscheint „Petal“ und soll ihr Statement- und Abrechnungsalbum werden. Weg mit den ganzen Gerüchten, jetzt wird aufgeräumt und Klartext gesprochen – so zumindest das Vorhaben. Hört man die Platte, kann man eigentlich kaum hinter die Fassade blicken. Viel mehr bläst Ari zum Angriff und verteidigt sich nach dem Motto: „Ich mach das eben so, weil ich’s kann“. Das hört man in einigen der zwölf Songs, die bewusst düsterer produziert wurden und wenig von der Leichtigkeit vergangener Projekte in sich tragen. Hier herrscht mehr Fokus auf Percussion und elektronischer Verzerrung, Aris Stimme darf da irgendwo dazwischen noch durchblitzen. Aber gut, das Album heißt „Petal“ – ein zartes Blütenblatt, das Gefahr läuft, zerrieben zu werden. Metaphorisch bietet das viel Raum für Interpretationen.

Herauskommt schließlich eine Sammlung von Tracks, die man kaum im Gedächtnis behält. Alles, was man hier hört, klingt angenehm, aber nichts sticht hervor. Sie verzichtet sogar auf atemberaubende Koloraturen oder ihre charakteristischen Dynamiken. Der Opener „Kiss Me“ zum Beispiel ist ein träges Konstrukt, das dahinplätschert und auch nicht von den Vocals gerettet werden kann, weil einfach keine Raffinesse vorhanden ist. Ein von Ariana selten so gehörter, farbloser Vortrag. Ironischerweise singt sie sogar noch davon, wachgeküsst und zum Leben erweckt zu werden („It’s do or die, bring me to life“). Könnte in diesem konkreten Fall schwierig werden.
Natürlich dreht sich das Album um Männer und die Liebe. In „Oh Well“ wird es deutlich antreibender, auch Ilya scheint seine Liebe zu UK Garage und Fusion entdeckt zu haben und Ariana schickt ihre Ex-Freunde völlig konträr zum Sound fast flüsternd zur Hölle. Ein verständlicher Ansatz, dessen Umsetzung aber doch sehr enttäuschend ausfällt – kaum Drang, kaum Aufregung, Musik zum nebenbei laufen lassen. „Never Get Over Me“ wird in der hinteren Albumhälfte zum Sinnbild der Platte: Sie kann super ohne ihn, er aber niemals ohne sie und das wird mit einem Standard-Klavier-Beat und einer Gesangsmelodie präsentiert, die Ariana selbst mit 39 Grad Fieber noch problemlos singen könnte – so simpel geht man es hier an.
Im titelgebenden Song funktioniert zumindest Arianas Falsett, ansonsten können die Synthesizer kaum mehr als ein paar kleine Akzente setzen und leider nicht richtig ausbrechen. Ariana versichert, dass sie kein Opfer sei – im Gegenteil, sie ertrinkt praktisch in ihrem Glück („But I am not the victim / Bitch, I’m practically drowning in my blessings“) aber man hört davon nur sehr wenig. Es ist erstaunlich, wie sicher und wenig experimentierfreudig sowohl Produzenten als auch Sängerin an diese Platte herangehen. „Stay“ wird so zu einem der durchschnittlichsten Radio-Popsongs, die man aktuell finden kann. Weil das alles noch nicht genug ist, blättert man für „Bad Thing (Bunny Hop)“ dann auch noch im The Weeknd-Beatbaukasten und macht einen kleinen Ausflug in Richtung New Wave. Nett, aber nichts Besonderes.
Und das frustriert auf musikalischer Ebene. Auf inhaltlicher kann Ariana leider auch nicht allzu viel beitragen. Der emotionale Ausbruch kommt nie, sie täuscht an, scheint aber auch über ihre eigene Finte hereinzufallen. Man möchte sie ermutigen: „Sag doch bitte einfach, was deine Gedanken sind, hau mal auf den Putz“. Vergeblich.
Trotz all dem kann man die Platte nicht als dezidiert „schlecht“ oder „misslungen“ bezeichnen. Es gibt eine Handvoll Songs, denen man leichter verfallen kann. „Big Feelings“ oder „Freak“, die deutlich R&B-lastiger gebaut sind, bringen geisterhafte Stimmungen im Gesang und strahlen dennoch eine gewisse Wärme aus. Dass mit „Warning Signs“ ausgerechnet ein Interlude zu einem Höhepunkt wird, sagt auch einiges aus – aber hier kommt man dem, was man von Ariana kennt und schätzt, noch am nächsten. „You don’t deserve me“ singt sie in einer sich aufbrausenden Stimmung, die dann in „Like I Do“ übergeht. Der Closer „Nowhere, nobody“ kann als kleine Ballade mit schönen Mehrstimmigkeiten überzeugen und dreht zur Hälfte dann auch noch ein bisschen in der Dynamik auf. Ariana gibt hier auch noch mal ein ordentliches Liebesgeständnis ab – „No, there’s nowhere else / And there’s no more running / Nobody else that I’d rather be with“. Trotz des Pechs in der Liebe, glaubt sie immer noch dran.
Schlussendlich sitzt man auch nach mehrmaligem Hören von „Petal“ mit ähnlichen Gefühlen wie schon bei ihren letzten Alben da: Nett, solide, aber eigentlich auch enttäuschend – vor allem weil man weiß, zu was diese herausragende Sängerin eigentlich fähig wäre. Von der angekündigten Wut ist nichts zu spüren und so richtig im Ohr hängen bleiben will – abgesehen von „Hate That I Made You Love Me“ auch kein Song. Ein Album, das existiert, Rekorde bricht, leicht zu hören ist, aber kaum Spannung erzeugt.
Schwache 6/10
Früher Sängerknabe, heute zwischen Fußball, Football und viel Musik. Im Herzen immer Punker.

