EBOW – FC CHAYA

Label: Garip Werkstätten

Genre: R&B, Rap

Das fünfte Album von Ebow, „FC Chaya“, bringt selbstbewussten, sehr passionierten, teilweise lasziven R&B mit Rap-Einschlägen.

Dass Ebow zu den talentiertesten Rapperinnen im deutschsprachigen Raum gehört, ist längst kein Geheimnis mehr. Die 1990 in München geborene, studierte Architektin hat in den vergangenen Jahren immer wieder für Aufsehen gesorgt, indem sie die Geschichte von zahlreichen Migrant:innen zum Thema machte und diese meist auf brillante Weise präsentierte. Ebow, selbst kurdische Alevitin, stellte von Beginn an das Verbindende in den Vordergrund, streckte kulturübergreifend ihre Arme aus und zeigte neben makellosen Flows stets ihr lyrisches Talent. Rap, der frisch klingt und gleichzeitig essentielle Botschaften transportiert – erzählt aus einer Perspektive, die für Millionen von Menschen alltäglich, für noch mehr Menschen aber noch unbegreiflich oder unbekannt ist.

Ebow kann flexen, sie kann aber auch gefühlvoll gesellschaftliches Ungleichgewicht anprangern. Wenn sie zu Karrierestart noch mit harten Bars aufschlug, ist sie von diesen stilistischen Merkmalen inzwischen weit entfernt. Ebow greift zwar immer noch zum Sprechgesang, verschiebt den Schwerpunkt aber in Richtung echter Gesangsmelodien – und so wird „FC Chaya“ zu einem deutschen R&B-Rap-Album, das sich vor allem an die queere Community richtet, enorm persönlich aufschlägt und tiefe Einblicke in ihr Seelenleben bietet.

„FC Chaya“, Ebows fiktiver Fußballclub, steht für eine offene Gesellschaft und ein Miteinander – egal wen man liebt, wie man liebt, vollkommen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Alter. Der Name verrät es bereits: Die Platte richtet sich hauptsächlich an Chayas, also an wunderschöne Mädchen und Frauen, die Ebow in ihren Tracks direkt anspricht. Im Zentrum steht die Befreiung von gesellschaftlichen Normen wie der Heterosexualität. Ebow zeigt mit ihrer Musik auf, dass es mehr gibt als die traditionelle Beziehungsform. Sie teilt ihr eigenes Outing und fordert immer wieder dazu auf, sich ihrem Team anzuschließen, wenn man ähnlich fühlt. Sie steht bereit, egal welches Problem besteht – das wird schon im Intro-Track „Forever“ deutlich.

Gleichzeitig gibt es in diesem kurzen Opener bereits die ersten lasziven, keineswegs platten Lines zu hören. Hier geht es rasch zur Sache: Es werden täglich Nudes verschickt und das Zusammensein wird gefeiert. Ziemlich nahtlos nimmt sie diese sexy Stimmung in den folgenden Track „Lesbisch“ mit. Ein herrlicher R&B-Track mit feinen, persönlichen Bars und einer wunderbaren Flex-Hook: „Dein Boyfriend ist hässlich / Sag Bescheid, wenn du weg willst / Sag Bescheid, wenn er dein Ex ist / Denn alle Pretty Babes sind lesbisch“. Ebow ist einfach da. In den weiteren Strophen macht sie Mut und flext weiter – unter anderem damit, dass nur ihre Pussy für Rettung sorgen kann. Auch wenn eine solche Aufzählung rein schriftlich vielleicht direkt oder gar ungewohnt wirken mag: Ebows gewählter musikalischer Zugang könnte treffender und leichter nicht ausfallen. Man glaubt ihr jedes Wort, und was auf dem Papier mutig klingt, wirkt in ihrer Performance schlichtweg sexy. Aufrichtige Lines sind sowieso ihr Alleinstellungsmerkmal – ohne Bullshit, denn alles, was Ebow macht, kommt direkt aus dem Herzen.

Der wohl zentralste Track von „FC Chaya“ ist schon relativ weit vorne zu finden: „Ebru’s Story“ thematisiert die Herausforderung ihres eigenen Outings im Familienkreis. Glücklicherweise gibt es Tante Sebahat, die Ebow auf die Schliche kam und einfach aus dem Bauch heraus fragte: „Hey, stehst du eigentlich auf Frauen?“. Das offenbart Ebow in der letzten Strophe dieses fantastischen autobiografischen Tracks. Der Aufbau des Songs – vom Storytelling der immer dichter werdenden Erzählstruktur über die leidenschaftliche Delivery bis hin zum herausragenden Old-School-Instrumental – erweist sich als schlichtweg perfekt. Dieser Song bildet das Herzstück des Albums und nimmt die Hörerschaft vollkommen ein – von der starken Botschaft ganz zu schweigen. Es war ein langer Weg für Ebow, ein langjähriges Versteckspiel und eine ebenso lange Grübelei, wie ein Outing in ihrer kurdischen Familie aufgenommen werden würde. Schlussendlich haben sich alle Zweifel zerschlagen, und Ebow wird so geliebt, wie sie ist.

Auf „FC Chaya“ finden sich einige sehr verführerische Tracks, die kein Blatt vor den Mund nehmen. „Juicy“, „Big Simpin“ und „Bodies“ lassen keinen Raum mehr für Fantasie; hier wird sehr direkt angesprochen, was Sache ist. Das gelingt auf hervorragende Art – teilweise mit satten Beats ausgestattet und durch feinen R&B aufgewertet. „Chaya’s Worldwide“ oder „Do Ya“ besitzen zudem das Potenzial, diverse Clubs abzureißen: Das erinnert an die ganz frühen Tracks von SXTN, nur mit noch mehr Drive. Bei all der Euphorie blitzen dennoch immer wieder Momente der Unsicherheit durch. Dafür stehen Songs wie „Lightspeed“ und „Gott Weiß“. Hier wird das Tempo reduziert und der Text noch eindeutiger in den Mittelpunkt gerückt. Manchmal geht es nicht anders: Wenn es kein Commitment gibt, kann man nicht einfach so weitermachen. Auch hier steht das Aufrichtige über jeglicher romantischen Fantasie, obwohl gerade Letztere der Grund für Ebows geschriebene Zeilen ist.

So hätte das Album enden können – tut es aber nicht. Mit „Free“ erlebt „FC Chaya“ zum Abschluss noch einen thematischen Stilbruch. Der Song ist die Vertonung eines Gedichts, das Ebow auf ihren sozialen Kanälen teilte. Ein Track, der die migrantische Lebensrealität in Deutschland wiedergibt, die viel zu vielen tagesaktuellen Vorkommnisse von Gewalt gegenüber Migrant:innen thematisiert und unter anderem die Kriege im Kongo, im Sudan und in Gaza anspricht. Ebow solidarisiert sich an einer Stelle sowohl mit Palästinensern als auch mit Juden und gibt als Kernbotschaft mit, dass es allen besser gehen müsse. Auch wenn der Track keinen direkten Bezug zum restlichen Album hat und stilistisch herausfällt, ist er viel zu stark, um ihn in die Nähe eines Fehlgriffs zu rücken.

„FC Chaya“ ist ein Album, das sehr vielen Menschen helfen kann. Ebow trifft fast durchgehend die richtige Stimmung mit den richtigen Worten und zeigt sowohl eine verletzliche als auch eine sehr selbstbewusste Seite von sich. Starke Umsetzung, klare Botschaften und durchwegs mitreißend.

Schwache 8/10

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