Magdalena Wawra – Ich bin viele

Label: unserallereins

Genre: Deutschpop

Es ist Frühling! Wenn man das neue Album von Magdalena Wawra hört, dann wird aus diesem langsamen Frühlingserwachen schon sehr schnell eine warme sommerliche Prise, die einem um die Nase weht. Und wie das im Sommer so ist, können abends auch mal dunklere Gewitterwolken aufziehen, die die aufgebaute Spannung dann so richtig rauslassen. Aber genug von Wetter-Metaphern: Das Debütalbum der Wiener Sängerin Magdalena Wawra „Ich bin viele“ ist erschienen.

Sie ist eine der aufstrebenden Indie-Pop-Artists aus Österreich, ist 2024 erstmals mit ihrer EP „So wies grade ist“ in Erscheinung getreten und hat sich vor allem durch ihre Single „wie man tanzt“ einen Namen machen können. Dieser Track hat so richtig schön angeschoben: Pulsierende Synthesizer trafen auf Live-Bläser und Magdalenas wahnsinnig entspannter Gesang hat den Rest gemacht. Es war ziemlich schwer, damals nicht mit ihr auf der Tanzfläche mitzugehen. Vergangenes Jahr startete sie schließlich den Rollout zu ihrem ersten Album.

Die Leadsingle „Orangenbäume“ erschien im Juni 2025 und es war eigentlich unmöglich, dieses Lied nicht sofort ins Herz zu schließen. Ein traumhafter Deutsch-Pop-Song, sicherlich im Stil von Wir sind Helden, mit Bläsern und einem unglaublich warmen und doch auch nach vorne ziehenden Arrangement, das sich wahnsinnig rasch ins Ohr bohrte. Wenn man einen Sommerhit sucht, findet man ihn hier. Wie das mit Orangenbäumen in Wien konkret so aussieht, bleibt zwar weiterhin unklar, aber sie haben zumindest eine echte Hymne bekommen. Und wie schon zuletzt bei Eli Preiss muss auch bei Magdalena dafür Abbitte geleistet werden, dass der Song nicht in der Top 100 des letzten Jahres gelandet ist. Eigentlich war man sich sicher, dass er drinnen war – war er aber nicht. Ein schwerer Fehler, denn das Lied hat für ordentlich Begeisterung gesorgt und Vorfreude auf alles ausgelöst, was danach kommen sollte.

Mit „Neongrün & Rosarot“ legte sie dann nach und feierte auf FM4 große Erfolge: Platz zwei in den FM4-Charts. Das verwundert insofern nicht, weil auch hier wieder ein sehr feiner Aufbau gefunden wurde, der einen stringent und herzlich durch den Song führt. Wundervolle Strophen – bei Release konnte der Refrain allerdings noch nicht so richtig überzeugen. Der Hauptteil war ein bisschen zu flach, zu wenig ausgeklügelt, um den Track sofort vollends feiern zu können. Für Magdalena war es trotzdem ein super Erfolg, der sie schlussendlich auch auf die Shortlist des FM4-Awards beim diesjährigen Amadeus brachte.

So viel zum groben Background und den offensichtlichen Meilensteinen, die Magdalena Wawra bisher einfahren konnte. Den nächsten feiert sie jetzt mit diesem Debütalbum. 14 Songs haben sie und ihre Band mitgebracht, ein Album, das sich enorm nahbar gibt und sich stark mit Identität, Selbstzweifel, Vergänglichkeit und trotzdem noch der Suche nach Schönheit im Kleinen beschäftigt. Harte Themen finden darauf gleich viel Platz wie die klaren, angenehmen Momente, denen man zu wenig Beachtung schenkt, sich aber auch vornimmt, sie wieder mehr wertzuschätzen. Es gibt keine endgültigen Antworten oder Ratschläge für die großen Fragen des Lebens oder Auswege aus Herausforderungen, dafür aber immer eine beeindruckende Ehrlichkeit, die sich von der ersten bis zur letzten Zeile durchzieht. Der Name ist Programm – es gibt viele Versionen und Episoden in einem menschlichen Leben und einige davon hat Magdalena hier zusammengetragen. Dafür nutzt sie unterschiedliche musikalische Herangehensweisen: Je nach Emotion tritt ihre Band opulenter oder reduzierter auf. Von euphorischen Indie-Pop-Klängen hin zu intimen Klavier-Balladen ist die Bandbreite der 14 Lieder sehr breit gesteckt.

So beginnt das Album fast zurückhaltend mit Klavier und Gesang, wobei Magdalena quasi noch eine akustische Version von „Orangenbäume“ als Intro darbietet. Im Verlauf der 72 Sekunden kommt dann noch ein Bläser dazu, der dem Ganzen Tiefe verleiht. Und es braucht auch nicht mehr – weder musikalischen Umfang noch eine längere Dauer –, um das grundlegende Gefühl des Albums und die Ausrichtung festzusetzen: Die Stimme steht im Zentrum und die Texte werden gerne ins Rampenlicht gestellt, ohne dass dabei auf die Instrumente vergessen wird. Auch sie bekommen ihre Zeit und ihre Momente.

Ein erster Highlight-Moment folgt dann auch gleich mit der echten Version von „Orangenbäume“, in die man sich einfach fallen lassen möchte. Es sind nur zwei Minuten, die aber so dermaßen viel Freude bereiten, die sowohl Wien beschreiben, vom Nordsee am Getreidemarkt, als auch überall sonst spielen könnten, wenn man sich unter Neonröhren verliebt. Orangenbäume blühen mitten auf dem Asphalt in Wien und das Schöne liegt in der Vergänglichkeit – diese Erkenntnis wird zu einer Schlüsselaussage des Albums. Trotz der Schönheit des Moments ist sich Magdalena bewusst, dass auch dieser wieder vergehen wird. So wie der Orangenbaum irgendwann aufhören wird zu blühen und doch nur noch der graue Asphalt übrig bleibt. Die Komposition vermittelt vor allem dank der Bläser sehr viel Freude, trotzdem spürt man die Melancholie selbst in diesen aufgeweckten Liedern.

© Sima Prodinger

Thematisch bilden die Liebe und die Vergänglichkeit einen Schwerpunkt des Albums. Neben „Orangenbäume“ beschäftigt sich unter anderem der Song „Frank Ocean“ damit. Ein Duett mit Malvin, enorm reduziert, in einem sehr vertraulichen Rahmen: Klavier, Sängerin und Sänger, fertig – bis zum Schluss die Band und Bläser aufdrehen und zum Ende wieder nur ein Bläser im Hintergrund mitmischen darf. Magdalena und Malvin singen davon, dass sie eigentlich null Bock auf Partys haben und die besagte Feier jeweils auslassen wollten – aber dann haben sie sich ausgerechnet an diesem Ort gefunden, und zwar ganz zum Schluss, wo schon der Rausschmeißer-Sound aufgelegt wird. Ein sehr schöner Song über das Verlieben und Vermissen. Auch wenn Malvins Vibrato und sein generell theatralischer Vortrag ein bisschen gewöhnungsbedürftig sind, lässt sich die Harmonie zwischen den beiden nicht leugnen. Es ist ein schöner und auch schon wieder leicht trauriger Song über die Liebe, über das Grübeln und auch das Nacheifern des Glücks der anderen.

Deshalb kommt sie im weiteren Verlauf auch zum Schluss: „Kann sein, dass das Liebe ist“. Dieses Lied hat eine andere Stimmung, ist verträumter, mit breitem Synthi, feiner Gitarre, dezentem Klavier und natürlich wieder einer Strophe, bei der man sich niederkniet. Der Hauptteil lässt dafür ein bisschen Wumms vermissen, was zunächst zwar noch zur Grundstimmung passt, aber gerade wenn Magdalena davon singt, „alles zu geben“, hätte ein bisschen mehr Nachdruck nicht geschadet. Die große Liebesfrage soll hier natürlich nur flankiert und unterstützt werden, so bleibt der Track aber zwar gut, gleichzeitig auch hauptsächlich nett. Vor allem wenn es um überwältigende, fast zu intensive Liebe geht.

Einige Tracks behandeln also Herzschmerz oder gar toxische Beziehungen. „Muss weh tun“ wird für Magdalena zum Seelenstriptease, in dem sie darüber spricht, wie grausam es ist, wenn man in die Friendzone geschickt wird und die andere Person gar nicht checkt, wie sehr man dadurch verletzt wird. Es ist ein wahnsinnig atmosphärischer Track, der richtig anschiebt, sich aber auch immer wieder Verschnaufmomente im Instrumental gönnt, um die Botschaft so richtig zu untermauern. Ein permanentes Vertigo-Gefühl, die Gedanken verschwimmen wie das Instrumental. Vermutlich der beste Song des Albums: lyrisch am Punkt, musikalisch herausragend untermalt, mit richtig lauten Eskapaden, aber auch leisen Spannungsmomenten – ganz große Kunst an dieser Stelle.

Einzig „Petermännchen“ fällt im Albumkontext ein bisschen ab. Dieser Song ist lyrisch – wie alles andere – absolut on point, gibt sich aber insgesamt ein bisschen zu bieder. Der Refrain kommt einfach nur sehr schwer von der Stelle. Liebe gegen jede Vernunft, das ist der toxische Moment. Generell stellt sich aber die Frage, was in Wien mit den Barschen los ist. Rahel hat schon einen Song darüber geschrieben, Magdalena jetzt auch. Diese Entwicklung bleibt jedenfalls unter Beobachtung.

„Neongrün & Rosarot“ hat allein schon wegen „Ich glaub nicht an Fügung / Aber manchmal nimmt der Zufall schöne Züge an / Und ich bin immer schon gern Zug gefahren“ einen Platz in den Herzen verdient. Anfangs konnte der Song noch nicht vollständig überzeugen, mittlerweile ist er einfach nur traumhaft. Diese Dynamik kommt so gut, man kann sich den Roadtrip sehr gut vorstellen und auch die Beschreibung, dass die Zweisamkeit noch wertvoller sein kann als ein Naturspektakel, ist wunderschön.

Wenn es nicht um die Liebe geht, widmet sich Magdalena ausgiebig Selbstzweifeln und Identitätskrisen. Auf „Mensch“ wird sie zur schonungslosen Selbstbeobachterin: Sie ist sich selbst der größte Albtraum, der schlimmste Feind – aber gleichzeitig auch die einzige Hoffnung auf Veränderung. Beeindruckend ist vor allem, wie sehr sie es schafft, nicht in Selbstmitleid zu verfallen, sondern eine sehr nüchterne Bestandsaufnahme zu geben: „Ich bin doch auch nur ein Mensch der grad beim Mensch sein versagt“ ist eine der stärksten Zeilen des Albums, weil jeder diese Momente kennt, in denen man sich selbst nicht ganz auf der Höhe fühlt, sich auch ein bisschen hasst und trotzdem irgendwie weitermacht. Aber sie lügt sich nicht an und gibt zu: „Ich hab gesagt ich tu’s nie wieder / Und jetzt sind wir wieder hier.“ Kein Happy End, keine Auflösung an dieser Stelle, nur die Erkenntnis, dass man immer erst danach klüger ist und immer etwas passieren muss. Instrumental ein hochansteckender Track, schöne Gitarren, feiner Synthi.

Zusammen mit Spilif schafft Magdalena auf „Alles ist gut“ den emotionalen Gegenpol dazu. Kein falscher Trost, sondern eine bewusste Entscheidung. Magdalena gibt die Hoffnung auf – für ein paar Stunden, für eine Nacht – und dann liegt sie wieder unterm Magnolienbaum und alles ist, alles ist gut. Man spürt hier richtig ein Durchatmen. Die Wiederholung von „alles ist gut“ am Ende wird zum Mantra, das man sich selbst einredet. Mit Spilif hat sie hier auch eine herausragende Partnerin gefunden, deren Strophe dem Track eine zusätzliche Ebene gibt und zeigt, dass dieser innere Kampf keine Ausnahme ist, sondern viele kennen. Absoluter Wohlfühlsong, egal ob er so geplant war oder nicht. Perfekte Harmonien, perfektes Zusammenspiel, perfekter Song.

„Ich bin viele“ gibt dem Album seinen Namen und das zu Recht – hier kommt alles zusammen. Magdalena beschreibt die verschiedenen Versionen von sich selbst, die gleichzeitig existieren und manchmal gegeneinander arbeiten. Da ist eine, die liebt, eine, die zweifelt, eine, die kämpft und eine, die einfach nur erschöpft ist. „Glaub an dich / Aber glaub nicht an alles was du sagst“ fühlt sich unmittelbar an. Und der Schlusssatz „Ich bin viele das macht müde“ trifft dann noch einmal anders hart. Kurz, präzise, erschöpft. MOLA macht hier mit und das funktioniert extrem gut, sie beleuchtet das Innere dieser Zerrissenheit noch einmal von außen. Der Track ist musikalisch auch einer der aufregendsten des Albums: Er baut Spannung auf, löst sie auf, baut sie wieder auf. Natürlich kein einfacher Song, aber ein essenzieller.

Der brutalste Moment kommt in Form von „Lieber sterben“. Ein Track, der textlich zunächst erschreckt, bei näherer Betrachtung aber eine zutiefst lebensbejahende Botschaft trägt. „Lieber sterbe ich als dass ich aufhör zu leben“ – darüber lässt sich lange nachdenken. Es ist kein Aufruf zur Verzweiflung, sondern eigentlich das genaue Gegenteil: der Wille, wirklich zu leben, auch wenn das heute schwer ist, auch wenn das wehtut und vor allem dann, wenn die Worte von jemandem stammen, der genau dieses Motto wörtlich genommen hat und man deshalb zusammen mit anderen auf der Beerdigung steht, weint und mit Blumen vor dem Grab steht. Suizid und die Gedanken dazu werden direkt ohne Beschönigung angesprochen, Magdalena gibt auch keine Ratschläge. Sie steht daneben, hört diese Worte und hat keine Antworten. Aber die Botschaft lebt weiter. Musikalisch verlässt sie sich hier hauptsächlich auf sich selbst: fantastischer Gesangsvortrag, hochemotional, mit Klavier und einem klagenden Bläser. Das nimmt einen mit, und das soll es auch.

Aber mit einer Schwere soll das Album nicht enden. Magdalena ruft noch einmal den Sommerwind, den sie schon im „Interlude“ besungen hat. Dort wollte sie noch woanders hin, weil sie sich gerade selbst nicht tragen konnte – die Last wird kurz abgelegt, ohne sie aufzulösen.

Mit der Reprise als Albumschluss kehrt der Sommerwind zurück, aber diesmal mit einer anderen Bitte: „Bring mich nach Hause.“ Was dazwischen war – all die Zweifel, die Liebe, die Erschöpfung, der Schmerz – das bleibt. Aber man geht trotzdem weiter. Das ist also auch kein klassisches Happy End, aber ein Ankommen und ein sehr würdiger Albumabschluss.

„Ich bin viele“ ist ein tolles Debütalbum geworden, das vor allem durch seine lyrische Stärke besticht. Bei einem Erstlingswerk schon so eine genaue Idee zu haben, was man wie ausdrücken möchte, ist beeindruckend. Musikalisch verfolgt Magdalena Wawra ebenfalls einen stringenten Plan, der nur an ganz wenigen Stellen nicht rund ausfällt. Egal, wie die Gefühls- und Wetterlage gerade aussieht, Magdalena hat schon jetzt einen passenden Song dafür. Und wenn der Sommerwind sie wieder nach Hause bringt – hoffentlich trägt er auch das nächste Album mit. Sehr guter Pop aus Österreich.

8/10

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