Dima Braune – Glücklich in Blau

Label: Feber Wolle Records

Genre: Rock, Austro-Pop

Dima Braune, Frontmann der wahnsinnig unterschätzten Band Grant, hat sich mit „Glücklich in Blau“ auch solo einen Namen als ausgesprochen scharfsinniger Lyriker gemacht, der kein Thema scheut und nicht lange um den heißen Brei redet. Zwischen den Zeilen lässt sich viel herauslesen, gleichzeitig bietet er auch auf erster Ebene eine stringente Erzählung.

„Glücklich in Blau“ – zwölf Songs, 40 Minuten – beschäftigt sich, wenig verwunderlich, mit dem Leben: dem Leben als Musiker, der Überforderung, dem Leben als Mensch. Eine existenzielle Schwere durchzieht die Texte durchgehend, was in deutlichem Kontrast zum Sound steht. Dima Braune möchte sich nicht beschränken – die Gitarre bleibt zwar sein treuester Begleiter auf dem Album, hindert ihn aber nicht daran, sich im Soundbild breiter aufzustellen.

Aufgeweckt empfangen wird man gleich zu Beginn: „Das, was ich nicht hab“ hat eine böse Gitarren-Line, die sich ins Hirn bohrt und dem Refrain in nichts nachsteht. Mit Havarie an seiner Seite ist Dima Braune hier einer der wunderbarsten Indie-Rocksongs der letzten Jahre gelungen – der Song erschien bereits 2024. Thematisiert wird ein klassisches Hamsterrad, der Fluch des Verlangens wird im Refrain deutlich, wenn er zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechselt und damit andeutet, dass es sich um keinen abgeschlossenen Prozess handelt, sondern um ein ständiges Streben, das seinen Reiz verliert, sobald das Ziel erreicht ist.

Die lyrischen Fähigkeiten werden schon in wenigen Minuten deutlich: Die zweite Strophe fällt durch eine Zeile über verlorene Worte besonders stark auf, gerade im Zusammenhang mit dem Blues-Motiv des Songs – Leid, Klagen und Schmerz sind essenziell für einen Bluessong, während der Erzähler an der Artikulation scheitert, was ein Gefühl der Isolation verstärkt. In der dritten Strophe wird es mit dem Bild von Raubzügen als Flucht und einer mit Plastikmüll zugemüllten Sehnsuchtsbucht regelrecht episch – die Sehnsucht ist nicht mehr rein oder romantisch, sondern zugemüllt mit wertlosem, künstlichem Ersatz, vielleicht Konsum, flüchtigen Erfolgen oder falschen Versprechen. Unerfülltes Streben, das in Selbstentfremdung gipfelt – ein herausragender Opener.

Nachvollziehbar, dass man als Musiker nach gewissen Dingen strebt: nach Anerkennung, nach Publikum, nach Geld. Doch statt sich dem Selbstzweifel hinzugeben, verarbeitet Dima Braune sein Dilemma mit einer gekonnten, schonungslosen Abrechnung der Musikindustrie. „Kulturadel“ ist ein wütender Protestsong über die Gegebenheiten in Österreich – wer mit Musik Geld machen will, solle lieber alles mit Musik machen außer Musik selbst, sprich: Booker werden und den Hauptteil der Bandgage einstreichen. Oder einfach privilegiert genug sein, um in Positionen wie Musikvorjurys zu landen, für die eigentlich keine echte Leidenschaft oder Expertise nötig ist. Es geht um den Typus, der Theater und Regie studiert hat, aber über Fördergelder von Indie-Bands entscheidet – die Band bekomme eben „den Lifestyle“ als Gage, was ja auch was sei.

Richtig rund geht es, wenn er mit den Medien abrechnet – auch die eigene Zunft und die Art, wie Reviews entstehen, kommt nicht ungeschoren davon: vom „Gratis-Fresser“, der nur bei Freibier und Essen erscheint, über die Copy-Paste-Kultur, wenn umformulierte Pressetexte als Kritik getarnt werden, bis hin zum Gatekeeping und der Macht, Leute zum „Star“ zu schreiben oder sie fallen zu lassen, sobald sie Erfolg haben. Die Dynamik von Musikmedien, die sich selbst wichtiger nehmen als die Kunst, wird damit ziemlich genau getroffen. Dima Braune trägt das alles mit wahnsinniger Lässigkeit vor, dazu kommt ein wunderbarer Bass, der dem Song als Anker dient – eine Gabe, leicht nonchalant, vielleicht resigniert zu singen und dabei trotzdem einen eindringlichen Tonfall zu transportieren.

Dima Braune bleibt dabei, Musiker zu sein statt die Seite zu wechseln. Mit „Das Lied“ blickt er hinter die Kulissen des kreativen Prozesses und zeigt die Verletzlichkeit unter all dem Zynismus: Er schreibt eine „Weltscheibe“, findet den Track großartig, verschickt den Link – und es passiert nichts. Niemand klickt auf den Dropbox-Link. Bleibt nur noch rituelles Hoffen, dass das Lied doch noch gehört wird. Die nackte Wahrheit hinter all der Attitüde: die Sehnsucht, gehört zu werden. Instrumental gibt es eine feine Entwicklung von Klavier hin zu einem echten Höhepunkt mit Mehrstimmigkeiten – sehr antreibend.

„Du bist Schuld“ ist ein wilder Ohrwurm mit gelungenem Refrain, Claps und einem fetten Gitarrensolo am Ende – ein Track, der sich anfühlt wie ein Fiebertraum aus Nachrichtenticker und Instagram-Feed. Dima Braune schlüpft in die Rolle eines jammernden Kanzlers, schießt gegen Tech-Milliardäre wie Bezos und Musk und landet am Ende doch wieder beim kleinsten gemeinsamen Nenner: der eigenen Eitelkeit und der Suche nach dem Sündenbock. Gnadenlos überzeichnet, etwa in der Beschwerde, dass der eigene Content weniger Klicks macht als ein Reaction-Video.

© Lucy Animashaun

Der titelgebende Track wird zu einem Song über die totale Inszenierung und die Flucht in die Ästhetik, wenn die Realität zu hässlich wird – die Sehnsucht nach einem verzweifelten Fotofilter, melancholischem Blau, das den Schmerz übermalt, damit man nach außen noch gut aussieht. Auch hier ein traumhafter Groove, die Dynamik passt: Der Song zieht zum Refrain an, nimmt wieder raus, baut eine komplette Reduzierung ein, bevor er noch einmal loslegt. Einer der stärksten Songs des Albums.

Und davon gibt es einige. Der beste ist wahrscheinlich „Nichts Schönes Sehen“, der die zweite Albumhälfte einleitet. Ein Saxophon-Thema ist normalerweise ein verlässlicher Indikator für Ablehnung – hier passt jedoch jedes Rad ineinander. Das Instrumental ist von Beginn an warm, man fühlt sich wohl, ein wunderschöner Song. Lyrisch bewegt sich der Track weiterhin am absoluten Zenit und dekonstruiert das Konzept von Hoffnung und Zweckoptimismus auf eigene Art, gewidmet der Suche nach dem Schönen, das überall auftreten kann. Dazu kommt Zynismus: Der nette Junkie vom Gürtel wird fast direkt neben Beyoncé erwähnt, der man auch mal einen Ton zutraut – fast schon blasphemisch – oder auch Josef Fritzl, dem man unterstellt, sicherlich auch einen seiner Großneffen zu lieben. Mittendrin stecken aber offenbarende Zeilen über Verlassenheit und Einsamkeit. Die Bilanz der Suche bleibt trotz allem ernüchternd – dafür sind wahnsinnig schöne Lieder dabei herausgekommen.

Gleichermaßen herausragend ist der new wavige Track „Wir Sind Über“ mit einem schönen, sehr verträumten Instrumental, das im Kontrast zu vielem auf dem Album steht – zeigt, dass Dima Braune in diesem Genre locker brillieren könnte, wenn er wollte. Andere Drums, Synthesizer, Stimmeffekte – sehr gelungen.

Der Closer „Safespace“ ist wieder ruhiger aufgebaut: Klavier, großartiger Gesang, mit einem Anklang an Peter Doherty. Ein brutales Fazit über Erfolgsvortäuschung als Existenzgrundlage, um beim AMS nicht als unvermittelbar zu gelten. Der Begriff „Safespace“ wird zunehmend entzaubert – die Welt ist schlicht „kein Place to be“. Trotz des Gefühls, ständig zu scheitern, endet der Song mit einem fast trotzigen Aufbruch zum „Nachbarhügel“ – ein Bild mit mehreren möglichen Deutungen.

Nur ganz selten geht der Track nicht ganz auf oder verpasst es, den Texten den perfekten Rahmen zu geben. „Zahl Den Doktor“ erzählt mit herrlichem Storytelling von den typischen Macken und psychischen Aussetzern unserer Zeit, stellt voreilige Diagnosen fragwürdigen Behandlungen gegenüber, die komplexe innere Konflikte einfach mit Tabletten wegdrücken wollen. Der Song hat Ohrwurm-Charakter, aber auch ein paar Längen – spätestens bei der zweiten Wiederholung fehlt ein Twist, der das Ganze nicht so dahinplätschern lässt.

Ähnlich verhält es sich mit „Swarovski Steine Im Asphalt“ – wobei das hier vermutlich beabsichtigt ist. Ein elegischer Song über Einsamkeit und Sehnsucht, der zeigt, dass man sich trotz Beziehung nicht geborgen fühlen kann. Das einzige Lied auf dem Album mit spürbaren Längen.

Als kompletter Cut fungiert außerdem „Sieben“ zur Albummitte, ein Spoken-Word-Song mit psychedelischen Hintergrundtönen und Saxophon, der an ein Hörspiel erinnert. Der Sinn hinter dem eineinhalbminütigen Stück bleibt vorerst rätselhaft, ein Aha-Moment könnte sich aber noch einstellen.

Ansonsten bleibt ein ziemlich begeisterndes Debütalbum: zynisch und doch warm, lyrisch außergewöhnlich gut, musikalisch abwechslungsreich, aber nicht kopflos. Stark geschrieben, toll produziert – eine klare Empfehlung.

Solide 8/10

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