Jessie Ware – Superbloom
Label: EMI

Genre: Disco, Dance-Pop
Wer gern das Disco-Zeitalter erlebt hätte, ist seit einigen Jahren beim Sound von Jessie Ware sehr gut aufgehoben. Die britische Sängerin hat vor sechs Jahren mit „What’s Your Pleasure“ die großen Töne und funkelnden Arrangements des goldenen Disco-Zeitalters in die Moderne übersetzt und dabei nicht nur eines der besten Alben des Jahres geliefert, sondern auch ihre eigene Karriere komplett auf links gedreht. Sie ging weg vom leicht experimentellen R&B und gab sich dem hin, was ihr am besten gefällt und ihr auch am besten steht: Soulpop und eine ordentliche Portion Sex.
Diesen Weg führte sie auch mit „That! Feels Good!“ 2023 konsequent fort. Hier konnte sie „What’s Your Pleasure“ bestätigen, auch wenn einige Stellen vielleicht nicht mehr ganz so glitzernd ausfielen. Aber wie schon auf dem Vorgängeralbum gab es auch hier einige echte Banger, von „Free Yourself“ über „Pearls“ bis „Begin Again“. Jessie mauserte sich zur Königin der neuen Disco-Bewegung, die sich vom Original im Grunde genommen nur darin unterscheidet, dass es sich nicht um das derzeit dominierende Genre handelt. Sonst steckt in Jessie schon einiges von Gloria oder Donna.
Und das wird auch auf „Superbloom“ deutlich. Jessie fühlt sich mit 41 Jahren in ihrer „Superblüte“ und das macht sie auf den 13 Tracks auch mehr als deutlich. Es ist eine von Libido geprägte Platte geworden, auf der teilweise ganz klar über Sex gesungen wird, wo aber immer die Sinnlichkeit oder die Ekstase im Vordergrund steht. Das wird nirgends deutlicher als auf „Sauna“, einer echten Sexhymne, bei der man den Schweiß praktisch fühlen kann und Jessie auch klare Ansagen macht: „If you wanna last longer / I don’t need faster, I need stronger / Take it to the sauna“. Das ist vermutlich dieser heiße Discotrack, den man gerne beschwört, wenn man an das Genre denkt. Die Synths leisten jedenfalls herausragende Arbeit, dieser Groove ist nicht nur hochansteckend, sondern auch wahnsinnig antreibend und mündet in einen traumhaften Refrain.
Oder auch „Ride“, ein Track, bei dem Jessie Ware tatsächlich Ennio Morricones Thema aus „Zwei glorreiche Halunken“ als Basis verwendet und dann einen extrem smoothen Bass und ein Synth-Thema aufbaut, bei dem man kurz seinen Ohren nicht traut. Dieses Ding könnte echt direkt aus den 80ern stammen, da passt einfach alles zusammen: Die Lyrics sind flirty und natürlich auch mit einem gewissen Augenzwinkern und einer Doppeldeutigkeit zu lesen, aber es macht einfach nur extrem viel Spaß.
Und das ist eigentlich seit 2020 die Quintessenz von Jessie-Ware-Alben: Sie sind einfach verdammt spaßig, weil nicht nur das Soundbild umwirft, sondern Jessie einen großartigen Humor als auch ein nicht zu leugnendes Selbstbewusstsein hat, was ihre Arbeit und ihre Kunst nahbar als auch ehrlich erscheinen lässt und man sich denkt: Go for it, Jessie. Als Hörer:in weiß man schon, was man bei einem Jessie-Album bekommt, sie selbst scheint sich erst daran zu gewöhnen: „I Could Get Used To This“ dient ihr nicht nur als Opener, sondern auch als Leadsingle und man hat bei Release die Bestätigung bekommen, dass sie ihrem neuen Weg weiterhin treu bleiben wird. Dieser Song mag vielleicht nicht so viel Drang und Druck versprühen wie Leadsingles der Vergangenheit, aber er besticht durch eine makellose Produktion und eine sehr interessante Entwicklung, bei der Jessie immer mehr Fahrt aufnimmt und sich auch zu einer spannenden Modulation hinreißen lässt. Das kommt sehr gut.
Es fällt allgemein schwer, irgendetwas großartig zu kritisieren. Die Songs sind von einer Fülle und einem permanent ansteckenden Groove geprägt, dass man sich einfach immer dazu bewegen oder in einer anderen Form interagieren will. Der titelgebende Track lebt von Ekstase und traumhaften Vocals sowie einem sehr verträumten Instrumental – das ist der charakteristische Jessie-Sound. „Automatic“ ist ein Paradebeispiel für Jessies Songwriting. Da singt sie entweder von ihrem Traummann und dessen Fähigkeiten im Bett oder aber von einem Helfer, wenn dieser Mann mal nicht zur Stelle ist. Und das verpackt sie in einen Soul-Dance-Track mit Flöten und Streichern. Einfach nur stark, und es scheint Jessie auch egal zu sein, wie sie zur sexuellen Befriedigung kommt.
Eindeutig einem Mann gewidmet ist „Mr. Valentine“ und hier steht wieder die Energie ganz klar im Zentrum des Geschehens. Hier wird es am ehesten noch kitschig oder übertrieben, aber dank der wundervollen Mehrstimmigkeiten und der generellen Harmonien samt den Streichern und der allgemeinen Dynamik entsteht ein traumhafter Song, der sich zum Schluss noch eine richtige Eskapade in Sachen Percussion und Gitarren gönnt.
„Don’t You Know Who I Am“ wird zu einer glasklaren Hommage an „I Will Survive“. Das ist ebenfalls wundervoll, weil das nicht platt gemacht wird oder ausgelutscht erscheint, sondern Jessies Huldigung an die große Disco-Ära ist. Da kann man sich sehr einfach und gerne verlieren.
Es ist aber auch nachvollziehbar, dass man dem Album eventuell ein paar Längen attestiert. Das liegt hauptsächlich daran, dass der Schluss auch die ein oder andere Ballade parat hält, die man nicht unbedingt erwarten würde. „16 Summers“ beispielsweise, die dramatischste Klavierballade des Albums, absolut herausragend gesungen, in einem wahnsinnig reduzierten Umfeld. Jessie singt über ihre Mutterschaft und das schnelle Aufwachsen ihrer Kinder, die wohl doch schneller als gedacht erwachsen werden. Definitiv bewegend, aber mit einer Dauer von 4:41 Minuten auch ein wenig langatmig. Das bricht den Albumfluss schon ein bisschen zu sehr.
Davor gibt es nämlich noch „Love You For“, der zwar auch zahmer als der Rest ausfällt und ebenfalls Jessies Kinder adressiert, aber stark an Jungle erinnert, vor allem im Refrain. Es ist ein schöner Song für ihre Kids, der aber nicht ganz richtig mithalten kann, den Flow der Platte allerdings nicht ganz so krass stört wie das musikalisch hochwertige, aber nicht ganz passende „16 Summers“. Dafür gibt es mit „No Consequences“ noch ein spätes Highlight: extrem mitreißend, wahnsinnig tolle Progression samt echtem Höhepunkt und traumhaften Chormomenten. Romantisch, groß angelegt und fantastisch getroffen – so soll Soul im Club schlussendlich klingen.
Der Closer „Mon Amour“ kann sein volles Potenzial meiner Meinung nach auch nicht ganz ausschöpfen, weil der Refrain doch überraschend bieder daherkommt. Also für Jessie-Verhältnisse – andere Künstler:innen würden gerne so einen Song schreiben. Dementsprechend hat auch dieser Track ein paar Längen.
Aber das sind wirklich nur sehr große Kleinigkeiten, die man an „Superbloom“ aussetzen kann. Mit dieser Platte hat Jessie Ware einen der besten drei Alben-Runs der jüngeren Vergangenheit komplettiert. Sie ist und bleibt die Königin der neuen Disco und auch noch eine der coolsten Socken in der Branche. 42 Minuten zum Feiern, für Zweisamkeiten oder andere Sinnlichkeiten.
Starke 8/10