Tinashe – Popstar

Label: A Nice Life Recording Company / Atlantic Records

Genre: Pop und R&B in allen Variationen

Wenn jemand wirklich schon bedenklich lange im „Khia Asylum“ feststeckt – dieser zugegeben etwas schiefen Stan-Twitter-Kategorie für Popkünstlerinnen zwischen Durchbruch und Vergessenheit – dann ist es Tinashe. Die 33-Jährige versucht seit knapp zwölf Jahren den großen Durchbruch in der Musikbranche zu schaffen und zeigt dabei mehr Ausdauer als so mancher Extremsportler. Zwar gingen immer wieder einzelne Hits viral – insbesondere ihre 2024 erschienene Single „Nasty“ – aber so ganz klappen wollte es mit der Headliner-Karriere noch nicht. Das sollte sich mit ihrem achten Album „Popstar“ jetzt endgültig ändern. Sie hat damit nichts weniger als eines der aufregendsten Pop-Projekte des Jahres geschaffen. 

Tinashe verknüpft auf insgesamt 16 Tracks gefühlt jedes auch nur im Entferntesten an Pop erinnernde Genre und wagt sich in unterschiedliche Richtungen: Hyperpop, Bedroom Pop, R&B, Dance Pop, Future Garage – hier gibt es alles und noch viel mehr. Und trotz dieses wilden Abrisses funktioniert die Platte auf höchstem Niveau. Es ist die Kulmination von Tinashes musikalischer Kreativität, die sich über die letzten Jahre nach und nach auf kürzeren Projekten schon zeigte. Es ist ihr Moment, es ist ihre indirekte Antwort auf die leidige Frage, wann sie denn endlich den Durchbruch schaffen würde. 

Denn sie stellt sich einfach in den Mittelpunkt und nutzt das Album, um ihre Erfahrungen im Rampenlicht zu schildern. Gleich im Opener „Sunglasses“ kann man schon eine Menge herauslesen: Von Arca mitproduziert, ist dieser kühle, mechanische Track eine erste Offenbarung – Tinashe geht tanzen, weil sie überfordert ist und wieder etwas fühlen will. Feiern und Musik als Medizin und Religion. Das Lied ist aufgrund seiner immer wieder sehr stockenden Struktur sicherlich nicht der einsteigerfreundlichste Opener – atmosphärisch, ja, aber alles andere als einladend. Diese Sperrigkeit ist aber Hauptprogramm der Platte: Tinashe macht von der ersten Sekunde an klar, dass sie es sich auf diesem Album nicht leicht machen wird.

Mit „Too Easy“ schlägt sie wenig später erstmals den Weg in Richtung Hyper-Pop, EDM und Dance ein – ein kurzer Track von nicht einmal zwei Minuten, der klar im Zeichen von Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit steht. Die Dauer stört nicht weiter, weil die allgemeine Dynamik stimmt und jedes Element nur nach vorne zieht. Zudem kann man schon beim zweiten Track des Albums den gelungenen Kontrast von Tinashes warmen Vocals auf den teilweise abstrakten Soundmustern wahrnehmen und in weiterer Folge auch sehr schnell verinnerlichen. 

Zu diesem eigenwilligen Songwriting gesellt sich gleich beim nächsten Track noch eine ordentliche Portion Spott: „Melatonin“, der absolute Überbanger des Albums und ein echter Anwärter für den besten Song des Jahres – zumindest, wenn man einen vielschichtigen Aufbau zu schätzen weiß. Hyperpop mit einem überraschenden Schwenk zu Acid-House-Synths im Outro sorgen dafür, dass der Song zu einem der klanglich vielschichtigsten der ganzen Platte gehört. Tinashe kontert darin all jenen, die sie abgeschrieben hatten – wer sie für langweilig genug hält, um als Einschlafhilfe zu dienen, hat sie offensichtlich unterschätzt. Diese These wird von diesem wunderbar abwechslungsreichen und antreibenden Song untermauert. 

Gleichzeitig ist sie sich bewusst, dass gewisse Zweifel weiterhin bestehen bleiben: „Don’t wanna die underrated“ singt sie im rhythmischen „Empty Stadium“, das in dieser Form eigentlich nur noch Jorja Smith bringen kann. Große Streicher, märchenhaftes Ambiente und doch auch ein drückender Beat, der Tinashes Sehnsucht nach künstlerischer Anerkennung vertont. 

Doch allzulange will sie sich nicht mit diesen Gedanken beschäftigen, mit dem ruhigen, sexuell stark aufgeladenen „Flashbacks“ kommt wieder die selbstbewusste Tinashe durch. Das Lied wird von den vielen unterschiedlichen Anspielungen auf Bettakrobatik definiert, fällt im Albumkontext aber durch seine Reduktion und den eher generischen Refrain am deutlichsten ab. Die sonst allgegenwärtige Raffinesse fehlt „Flashbacks“ zum großen Teil. Dafür leitet sie mit dem kurzen „Overdramatic“, einem sehr jazzigen Interlude, den stärksten Teil der Platte ein. „I’d Rather Be Alone“ ist eine großartige Ballade, die Rihanna in sich trägt, vor allem aber durch einen spannenden Aufbau aus Beklemmung und Befreiung funktioniert. E-Gitarren unterstützen Tinashe in ihrem Vorhaben: „I’d rather be alone / Than spend my life holding on forever with you“. Die abwechslungsreiche Gesangsmelodie ist hier sicherlich die Triebfeder. 

© Paris Helena

Umgekehrt wird Tinashe in „Crash Out“ wieder klarer: „I don’t Wanna be humble / I don’t wanna be sweet no more / I don’t wanna be a good girl / I don’t wanna be nice, fuck being polite“. Man kann das Lied schon als eine Art Drohung Tinashes verstehen: Mittlerweile sollten die Zeiten, in denen man sie unterschätzte, der Vergangenheit angehören. Das  trapgetriebene Fundament transportiert diese Wucht auch klanglich.

2016 war Tinashe dem Mainstream-Höhepunkt durch ein Feature auf Britney Spears’ Single „Slumber Party“ so nah wie nie – jetzt gibt sie sich mit „Pillow Fight“ praktisch einen eigenen Nachfolger dazu. Pure körperliche Anziehung, sie macht dabei unmissverständlich klar, wer die Kontrolle übernimmt. Sehr verspielter R&B-Track, der sehr unmissverständlich ausfällt – ähnlich wie „Flashbacks“, nur mit deutlich mehr musikalischer Struktur. Hier fühlt man sich wirklich an die Hochblüte des R&B der 90er zurückversetzt. Selbiges gilt für „Nobody Wanna Dance No More“: Hier darf der Bass bouncen und der Funk übernehmen. Ein kurzer Brecher, der seinem Titel nicht gerecht wird – hier muss man sich bewegen. 

Mit „Twentyfive Eight“ dreht Tinashe die Redewendung „24/7“ noch eine Stufe weiter und hält ein introspektives Zwiegespräch mit ihren zwei Seiten: der einen, die das Erfolgsspiel weiterspielen will, und der anderen, die sich weigert, künstlerische Integrität gegen reinen Kommerz einzutauschen. Den sogenannten „Sell out“ findet man auf dieser Platte nirgends. Musikalisch sparsam – erinnert unter anderem an Kelela – zählt der Song vermutlich zu jenen Tracks, die ein bisschen wachsen müssen, bevor die volle Durchschlagkraft zur Geltung kommt. 

Der titelgebende Track „Popstar“ wird vom kurzen „The Show Must Go On“ eingeleitet und ist der klar poppigste des Albums. Bedroom Pop trifft auf warme Gesangsmelodien und Tinashe reflektiert über ihre bisherige Karriere und verarbeitet die Kompromisse, die Ruhm zwangsläufig mit sich bringt. Eigentlich steht sie nicht sonderlich auf Karrieristen, gibt aber auch zu, dass man diese Rolle spielen muss, wenn man dazugehören will. 

Wenn ein Song „Brainrot“ heißt, dann kann man in der Regel eigentlich kaum etwas Positives erwarten. In Zeiten, in denen Girlgroups mit zusammenhangslosen Nonsense-Bergen große Erfolge feiern, kommt Tinashes „Brainrot“-Version deutlich frischer daher: Substanz in jeglicher Hinsicht wäre laut ihr wünschenswert. In diesem Song wechseln sich Gesangs-Koloraturen mit instrumentalen Drops gelungen ab. „Cloud 9“ ist im Anschluss dann der Vollzug ihrer zuvor gehegten Wünsche, eine Beziehung mit Tiefgang erleben zu wollen. Ein überschwänglicher Track ohne Kompromisse, große Euphorie und Eskalation. 

Im Closer „Heavy Weight“ wandelt Tinashe auf SZAs Spuren und bringt einen zauberhaften R&B-Song mit großen Gefühlen als Abschluss. Verletzlichkeit und ein großer Seelenstriptease bilden die Grundlage für diese letzte Ballade von „Popstar“, deren Existenz trotz eines deutlich anderen Klangmusters nicht infrage gestellt werden muss.

Es müssen wirklich sämtliche Sterne des Universums in einer denkbar ungünstigen Konstellation stehen, um zu verhindern, dass Tinashe mit „Popstar“ endlich die Anerkennung findet, die ihr zusteht. Die Platte hat kaum Schwächen, schafft es zudem auch, die unterschiedlichen Genres zu verknüpfen und sich gleichzeitig auch noch mit tiefsinnigen Gedanken zu beschäftigen. 

Schwache 9/10

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