Wa22ermann – Knax
Label: Wa22ermann

Genre: Deutsch-Rap
Ob Wa22ermann mitten in der Corona-Pandemie damit rechnete, wenige Jahre später nicht nur zu den gefragtesten Rapperinnen der Szene zu gehören, sondern auch noch ein Debütalbum rauszubringen, dürfte man nach Hören ihres ersten Projekts wohl mit „nein“ beantworten. Der plötzliche Erfolg ihrer spontanen TikTok-Versuche zog doch sehr viel mehr Aufsehen mit sich, als die heute 27-Jährige vermutet hätte. Wenn Kurzvideos viral gehen, können heutzutage binnen Stunden Karrieren entstehen – Wa22ermann ist dafür ein Paradebeispiel. Mit ihrem lockeren Rap über House- und Techno-Beats verbreitete sie eine spezielle Stimmung, die vor allem in den warmen Sommermonaten sehr viel Liebe empfing. Zunächst schlug sie mit ihrer Debütsingle „Salsa“ aber noch härter und trappiger auf, ehe sie nur wenige Monate später bei Four Music unterschrieb und im Anschluss mit ihrer ersten EP „07:30“ das Berliner Nachtleben vertonte. Mit der zweiten EP „22:22“ schwenkte sie thematisch deutlich um und wurde persönlicher – mit Themen, die sie auf „Knax“, ihrem langersehnten Debüt, weiter vertieft.
Gleich im hervorragenden „Intro/Normal“ gibt sie einen Abriss ihres bisherigen Lebens: „Ich schrieb meinen besten Track, da wollt’ ich nicht mehr existieren“ als Eröffnungszeile, die klar macht, dass Wa22ermann auf „Knax“ kein noch so unangenehmes Gebiet scheut. In einem zweigeteilten, dynamischen Song spricht sie über ihre Kindheit, wie sie als Neunjährige aus Pakistan nach Berlin kam, weil ihr schwer erkrankter Bruder medizinische Hilfe benötigte. Wie ihr Gesicht erstmals auf einem Plakat zu sehen war und sie Angst bekam, weil sie ihre musikalischen Ambitionen nicht mehr vom traditionellen Elternhaus verbergen konnte. Zur Songhälfte wechselt die Stimmung, die zunächst präsente akustische Gitarre weicht einem antreibenden Beat und Wa22ermann beginnt zu flexen: Features mit Goldrappern interessierten sie noch nie, Vergleiche über die besten deutschsprachigen Rapperinnen hält sie für überzogen und wer nicht aus „361 kommt“, der ist ihr sowieso egal. Wer nach diesem Song nicht auf die folgende halbe Stunde gehypet ist, wird in diesem Leben wohl kein großer Freund von Rapmusik.
Auf „Knax“ ist von der kompromisslosen Techno-House-Energie ihrer Anfangstage ohnehin nicht mehr ganz so viel übrig. Stattdessen setzt Wa22ermann auf ein deutlich klassischeres Klangbild, das sich sehr gerne an Trap orientiert. Sie schafft es, sowohl persönliches Storytelling als auch Flex- und Battle-Tracks zu verknüpfen. Zusammen mit Tom Hengst rappt sie auf „Aussortiert“ über ein italienisches Sample über falsche Freunde, keinen Zusammenhalt innerhalb der Familie und vor allem über Verrat. Ein böser Track, dessen Hook im Vergleich zu den energiegeladenen Strophen aber ein wenig zu flach ausfällt. „Hä, Wieso“ mimt in den ersten paar Sekunden ein fröhlicheres Stimmungsbild, nur um relativ rasch wieder in das eher schwere Klangbild zu kippen, das dennoch immer wieder von ein paar dynamischen Breaks, Bläsern oder akustischen Akzenten gebrochen wird. Es ist auch das einzige Lied, auf dem sich Wa22ermanns Vortrag ein wenig abnützt, sie rappt zwar makellos aber relativ monoton von A nach B und teilt trotzdem harte Punches aus.
Dafür kommt es auf „Lipgloss an der Kalash“ zu einem kontrastreichen Feature mit Charlize, die mit ihrer hohen Stimme einen deutlichen Gegenpol zu Wa22ermann beisteuert. Das bringt eine gelungene Spannung, vor allem im Zusammenspiel mit einer kurzen spanischsprachigen Hook. Mit „Mr. Krabs“ kippt die Stimmung einmal mehr und es wird aufgeweckter, ein wundervoller Beat lässt Wa22ermann noch einmal über ihre Jugend („Deichmann statt Snipes“) und vor allem ihre generelle Beziehung zu Geld reflektieren.
Zuletzt konnte man sowohl Wa22ermann als auch OG Lu auf Donna Savages’ neuem Album „Gusch“ hören, jetzt machen die beiden auf „Chayas lieben Trap“ gemeinsame Sache und rappen beinhart über ein Sample von Zarah Leanders „Nur nicht aus Liebe weinen“. Auch hier regiert das reine Böse, beide Rapperinnen sind gekommen, um ordentlich auszuteilen und zu versichern, dass Chayas Trap lieben – alle anderen, bei diesem Song zumindest, vermutlich auch. „Pico sei still!“ vertraut auf eine Jazz-Trompete, kann einen gewissen repetitiven Charakter im Hauptteil aber nicht ganz abstreifen.
Dafür kommen in „Dreck“ wieder mehr persönliche Facetten zum Tragen: Wa22ermann rappt über unterschiedliche Schicksale aus ihrem Umfeld, die „ihr Leben prägen“. Tod und Missbrauch kommen genauso vor wie die Tatsache, dass es sie „einen Dreck juckt“, was man von ihr hält. Diese Tracks sind enorm wichtig, weil sie dem Album den nötigen Tiefgang verleihen und musikalisch einwandfrei eingebaut werden. Man hat nicht das Gefühl, dass Wa22ermann irgendetwas forcieren möchte – viel mehr nützt sie die Aggression des Trap-Beats für eine Aufarbeitung ihrer innersten Gedanken.
Der Titeltrack „Knax“ schließt sich nahtlos an, hier offenbart Wa22ermann ihre Zweifel, Ängste und Makel – von Bindungsängsten über eine Vorliebe zu hedonistischen Lebensvorstellungen bis hin zu depressiven Phasen und Selbsthass. Das Album trägt daher eine dunkle Note in sich, Wa22ermann rappt in „Frieren“ über den kollektiven Rausch als Betäubungsmittel gegen erlebte Verluste und schlägt gekonnt den Bogen von gesellschaftlichen auf individuelle Probleme. „Distanz 2“ ist die Fortsetzung ihres Features mit Sirin aus dem Jahr 2023 und hat dieses Mal Chilly Gonzales an Wa22ermanns Seite dabei. Es ist der deutlich poppigste Song der Platte, eine gesungene Hook, was dem Lied einen deutlichen anderen Charakter verleiht als den restlichen Tracks. Musikalisch solide, ist der ästhetische Unterschied doch ein wenig zu groß.
Mit dem Closer „Outro“ regiert aber wieder das klassische Storytelling und Wa22ermann setzt sich mit einer Freundin auf eine Bank, raucht eine Zigarette und spricht noch einmal über ihr aufregendes Leben: „Sie sagt zum Glück bist du noch hier, denn ich schrieb meinen besten Track, da wollt’ ich nicht mehr existieren“ – somit macht Wa22ermann aus der Eröffnungs- auch die Schlusszeile.
„Knax“ ist ein gelungenes Debütalbum, das Wa22ermanns bisherige Entwicklung konsequent weiterführt. Die Mischung aus harter Attitüde, Flex und sehr persönlichen Einblicken macht das Album interessant. Nicht jeder Song erreicht dabei das gleiche Niveau und gerade gegen Ende gibt es mit „Distanz 2“ einen kleinen Ausreißer, der nicht so richtig in das sonst sehr stringente Konzept passen will. Insgesamt zeigt Wa22ermann aber eindrucksvoll, dass sie mittlerweile auch musikalisch genug zu erzählen hat, um ein ganzes Album damit zu füllen.
Starke 7/10