Laurenz Nikolaus – aus dem Koffer
Label: Off the Record / IRRSINN

Genre: Austropop
Vor etwas mehr als einem Jahr sind Laurenz Nikolaus mit ihrer Debütsingle „Du bist wie“ so richtig laut in der österreichischen Musikszene aufgeschlagen. In den sozialen Netzwerken ging der Song viral, in den FM4-Charts stürmte er auf Platz 1 und das Land hatte endlich mal wieder eine Band, die das klassische Wienerlied noch zu würdigen weiß. Herzschmerz, Melancholie, ja nicht zu viel Euphorie und vielleicht auch ein bisschen Grant durften dann auf der ersten EP „Annemarie“ erlebt werden. Eine Konzept-EP mit sieben Songs, Anfang des Jahres erschienen, die das Potenzial des Trios schon deutlich machte: Hier kann man noch richtig erzählen, ein bisschen schunkeln, kollektiv verzweifeln, feiern und schlussendlich brettlfett am Würstlstand philosophieren.
Laurenz Nikolaus sind quasi die Vertonung einer unschuldigen Folge „Liebesg’schichten und Heiratssachen“ und bringen auf ihrem Debütalbum so viel Herzschmerz und Nostalgie mit, dass sie eigentlich nur von einem breiten Publikum geliebt (mit Meidlinger L) werden können. Laurenz Öllinger, Isaac Gartmayer und Moritz Seidel (die letzten beiden kennt man vermutlich unter ihren Produzentennamen prod.suki und Mo.Nomad noch besser) legen auf „aus dem Koffer“ noch einmal einen drauf und auch endlich eines der meistantizipierten Alben des Jahres vor. Austropop war ja nie wirklich weg und nicht zuletzt aufgrund von Pizzera & Jaus oder Seiler & Speer immer noch massentauglich – aber so frisch klassisch poppig wie hier hat man das Genre schon länger nicht zu hören bekommen (was nicht gegen alle anderen österreichischen Liedermacher der letzten Jahre sprechen soll). Laurenz Nikolaus verzichten weitestgehend auf das sonst gern verwendete Morbide und unterlegen etwaigen Kummer mit höchst einnehmenden Melodien: Man hat Heimweh bei einem bescheidenen Trip in „Kalifornien“? Kein Problem, lass einfach einen feinen Swing spielen und darüber singen. Aus dem Pantscherl kann doch mehr werden und man braucht Date-Ideen? Lass uns zum Tichy „Eismarillenknödel“ essen gehen und das Treffen mit einem Omnichord hinterlegen. Mehr Zärtlichkeit geht gar nicht.
Im Gegensatz zu ihrer „Annemarie“-EP folgt „aus dem Koffer“ nur bedingt einem roten Faden. Die zwölf Lieder sind mehr ein Abriss unterschiedlicher Liebesthemen, vermutlich auch Coming-of-Age-Geschichten und jeder Menge Wiener Kolorit. Man kann es ihnen auch nicht sonderlich übel nehmen, dass sie einen gleich mit einem Opener begrüßen, den sie „Deppata Bua“ getauft haben. Ist vielleicht nicht die netteste Willkommensformel, aber der Song erzählt halt auch von den Dynamiken des Aufwachsens im ländlichen Raum.
Dort ist ohnehin alles schon verteilt: Hof und Betrieb, ein Studium in Wien, die richtige Partnerin, und das halbe Dorf fragt bereits nach dem Enkelkind. Laurenz gilt schon in der Volksschule als einer, der neben der Spur steht, mit Schneckerl-Frisur, früh rauchend, mit 16 längst „zua“. Das Leben ist gefährlich, aber er ist groß genug und will in die Ferne, „zu den Sternen“. Sollte er morgen sterben, ist es auch ziemlich wurst. Klingt textlich ziemlich deprimierend, musikalisch konträr locker: Pfeifpassagen samt Steigerung zum Ende, die Laurenz schon an seine stimmlichen Grenzen gehen lässt, sodass da ordentlich Druck dahintersteht. Aus einem „deppata Bua“ werden schließlich „fünf deppate Buam“ und die Erkenntnis folgt, dass es halt einfach sehr viele von dieser Sorte gibt. „Boys will be boys“ auf Wienerisch? Nein, eher nicht.
Feststeht, dass diese Gruppe ein Gespür für wilde Ohrwürmer mitbringt. „Malediven“, „Kalifornien“ und „Eismarillenknödel“, allesamt Vorabsingles, sind mit Refrains ausgestattet, die dem Hirn deutlich sagen, dass man diese Tracks noch einmal hören will. Die Mischung aus Schmäh und Rhythmus sorgt für einen leichten Zugang. Es sind einnehmende Melodien, die sich über das Album spannen und gerne einen inhaltlichen Twist einbauen. Laurenz startet immer wieder in einem ganz bestimmten Gefühlsstadium und rauscht im Laufe des jeweiligen Songs dann in eine völlig andere Lage und Situation. In „Kalifornien“ wird aus Fern- bald einmal Heimweh. In „Hau die Nägel in Sarg“, diesem Akkordeon-Gassenhauer, wird ihm bewusst, dass das Leben doch auch tödlich sein kann und die Zeit einfach unweigerlich rennt und man sie nützen sollte – am besten mit den Personen, die man wirklich gern hat. Ein sehr melancholisches Lied, das im folgenden „Allerletztes Glas“ einen vermeintlichen Partnersong gefunden hat.
In Wahrheit regiert hier aber dann doch das gute pure Leben, ein bisschen Eskapismus in einer durchzechten Kneipennacht. Es wird gesoffen, geraucht und dann auch draufgekommen, dass das „sicher nicht normal“ ist. Macht nichts, die Musik entschädigt etwaiges schlechtes Gewissen mit hüpfendem Klavier, ein paar verspielten Synthis und sehr interessanter Percussion in der Bridge.
Irgendwie wird es ihnen aber zu bunt und deshalb wird die Stimmung in der Albummitte deutlich ruhiger und ein paar Balladen werden eingestreut. „Kaltes Wasser“ vertraut auf ein Klavier im Zentrum, Laurenz „versinkt im Selbstmitleid“ und fleht „bitte lieb mich noch einmal“. Mit dieser einen Person hat es offenbar nicht geklappt, es bleibt nur noch die Initial-Gravur im Baum – trotzdem fühlt man sich für immer miteinander verbunden. Eine ganz neue Seite der Gruppe, völlig ironiefrei wird hier dem Herzschmerz begegnet. „Kartenhaus“ ist eine deutliche Hommage an Georg Danzer und vertieft das Ende einer Beziehung zusätzlich. Man steht allein da, hat „nix glernt“: „Mit der Liebe is wie mi’m Roulette spüi’n / Was foisch setzt des kaunst nimma rett’n / Des kriagst nimma zrugg“. Zur Bridge kommen Streicher dazu, die ein Gitarrensolo untermalen und Laurenz bei seiner Bitte helfen, ihn loszulassen, weil er wieder leben will, während der Winter kommt und der Sommer geht. Im Schluss kippt er zurück ins Bitten: Komm wieder heim, der Schlüssel würde noch immer aufsperren. Der längste Track des Albums entwickelt sich gut, hat aber trotzdem ein paar Längen gegen Ende.
Glücklicherweise bleibt es in den Anfangssekunden von „Haus in Schweden“ bei einer nur sehr kurzen Anspielung auf „The House of the Rising Sun“. Hier wird von der Zukunft geträumt, vom gemeinsamen Leben in Schweden, fern vom Stress. Wieder kommen die Streicher zum Tragen, dazu noch hohe Backing-Vocals im Refrain, die eine gespenstische Tiefe erzeugen. Man lässt dem Instrumental jedenfalls mehr Raum und den Song mit breiten Akkorden outfaden.
„Winter“ ist der politischste Song von „aus dem Koffer“: Die titelgebende Jahreszeit wird zum Sinnbild für gesellschaftlichen Rückschritt und das schleichende Verschwinden von Vielfalt: „Der Schnee malt weiß und vertreibt die bunten Fahnen…Ein Sturm zieht über’s Land, wir müssen Angst vor’m Winter haben. Und am End’ hat’s kaner gwusst“. Vertont werden diese Zeilen in einem Lagerfeuerlied, die akustische Gitarre trägt die Melodie, während der Gesang von Laurenz sehr sanft und entspannt ausfällt, was die Botschaft noch eindringlicher transportiert.
Hinten raus darf dann aber wieder aufgeweckter agiert werden: In „Faulenz Nikolaus“ wünscht sich Laurenz, dass er „ein bissi blöd“ wär, dann wär das Leben viel einfacher. „Irgendwos passiert“ könnte man als eine Antwort auf „I bin a Weh“ der legendären Worried Men Skiffle Group lesen: „Wann kaner höfn kann, ruft’s mi bitte a net an, i muss a amoi a bissl Ruah kriagn“. Laurenz bringt ein paar Untergangsszenarien mit und kommt zum Schluss, dass es „ein bissl fad“ wär, wenn „nit immer irgendwo etwas passiert“.
„aus dem Koffer“ fällt insgesamt melancholischer aus, als es die Vorabsingles erwarten ließen. Dadurch verliert die Platte in der Mitte an Drive und genießt es zu sehr, im schunkelnden, ruhigen Gewässer vor sich hinzutreiben. Die Texte haben Biss, die Melodien sind gut gewählt, nur fügen sich die zwölf Lieder noch nicht zu einem wirklich geschlossenen Album. Die Band hat eine starke Identität, setzt sie aber noch nicht konsequent genug ein. Trotzdem ist es ein gelungenes Debüt, das Lust auf mehr macht.
Starke 7/10