Kehlani – Kehlani

Label: Atlantic Records

Genre: Contemporary R&B

Letztes Jahr schenkte Kehlani mit „Folded“ einen der besten Hits des Jahres. Der Song schaffte es auf Platz 15 der Jahresbestenliste und begeistert auch Monate später noch mit einem wahnsinnig emotionalen, smoothen Sound, der Liebeskummer wohl wie kaum ein anderes Lied der vergangenen Monate vertont hat. Darin steckte sehr viel Verletzliches, aber auch etwas Befreiendes.

Kehlani konnte sich alles von der Seele singen, die Gefühle waren in jeder Sekunde spürbar und man konnte sich an einem wirklich makellosen R&B-Track erfreuen. Gleichermaßen erfreulich war, dass die Recording Academy die außergewöhnliche Magie dieses Liedes ebenfalls erkannte und „Folded“ bei den Grammys 2026 in den Kategorien Best R&B Performance und Best R&B Song auszeichnete. Kehlani gewann damit ihre ersten beiden Grammys.

Mit einem solchen Erfolg lässt sich natürlich leichter ein dazugehöriges Album promoten. Das selbstbetitelte fünfte Studioalbum soll auf der Erfolgswelle von „Folded“ weitersurfen. Und blickt man auf die 17 Songs umfassende Tracklist, dann sieht man sehr schnell, dass Kehlani keine Kompromisse eingehen möchte: Die Featuregäste lesen sich wie das Who is Who aus der R&B- und Rap-Welt, egal ob Legende oder zeitgenössischer Superstar. Lil Wayne, Clipse, Brandy, Missy Elliott, Usher, T-Pain, Lil Jon, Cardi B, Big Sean und Leon Thomas sind neben Kehlani zu hören und bilden eines der krassesten Lineups seit langer Zeit. Sie gehen mit Kehlani Seite an Seite, wenn sie sich dem großen, klassischen R&B vollumfänglich verschreiben möchte.

Die bisherigen Alben waren insgesamt solide, aber meistens ein bisschen zu flach und fast zu bieder gemacht. Natürlich hat Kehlani eine herausragende und charakteristische Stimme und kann dadurch immer wieder für einen musikalischen Volltreffer sorgen – ein durchgängig starkes Album, das sich nicht mit dem leider immer noch relativ häufig auftretenden Genrenebel umhüllt und einen ungewollten Trancezustand bei Hörer:innen erzeugt, hat Kehlani bislang aber noch nicht zeigen können. Bis jetzt. Denn diese Platte ist sicherlich die kohärenteste und flüssigste Arbeit ihrer bisherigen Karriere.

Inhaltlich werden zwar keine großen Sprünge unternommen – aber das ist nicht notwendig, weil die Songs über Liebeskummer und die Liebe im Allgemeinen, über Sex, Lust, Sehnsucht, Einsamkeit und Depression einfach durch die Bank gelungen sind. Mal wird es intensiver, dann wieder lieblicher, mal souliger, dann wieder rauer. Endlich hat Kehlani ein musikalisches Umfeld gefunden, das so richtig passt und zeigt, dass sie in mehrfacher Hinsicht angekommen zu sein scheint.

Im Intro geht es jedenfalls gleich los, da wird nicht lange herumgeredet. Es braucht einfach, bis man wachsen kann, und gleichzeitig muss der Herzmuskel einiges aushalten und gedehnt werden, damit er mit all den Verletzungen, Heilungen und Wirren auch wieder zur Entspannung finden kann. Ab sofort gibt es keine Angst mehr und keinen Filter – das ist Kehlani und jetzt wird aufgearbeitet.

„Anotha Luv“ kommt sofort mit einem traumhaften Instrumental daher, das neben Kehlanis Vortrag sicherlich das große Highlight des Songs darstellt. Sehr coole Percussion, dazu Bläser und ein wahnsinnig smoother Rhythmus. Lil Wayne macht halt Lil-Wayne-Sachen, sprich: Seine Lines über Sex und Kondome muss man mögen. Er gibt dem Song eine zusätzliche Ebene, funktionieren würde er aber auch ohne ihn, weil die Vocals wirklich fantastisch sind.

Im Anschluss schauen mit Clipse die nächsten zwei legendären Rapper auf „No Such Thing“ vorbei, die wieder einmal ihren typischen, leicht düsteren Vortrag mitbringen. Das kommt auf diesem sehr gefühlvollen Track, der immer wieder mit Streicher-Akzenten aufgefettet wird und sonst eigentlich durch Reduktion glänzt, sehr gut.

Über „Folded“ müssen nicht mehr viele Worte verloren werden – herausragend, ein moderner Klassiker.

Interessant wird es im Anschluss, wenn Brandy bei „I Need You“ vorbeischaut. Ein wundervolles Duett entsteht, bei dem sich die beiden in der Bridge ein bisschen um die Vormachtstellung duellieren, da geht es richtig vor und zurück. Dennoch wird der Track ein wenig zu lange gezogen oder zu wenig auf Vielseitigkeit gesetzt. Da wird wirklich eine Schleife zu oft wiederholt.

Mit Songs wie „Oooh“ wird die Stimmung dann auch mal sexuell geladener, ein klassischer Slowtempo-Song, der sich sehr sinnlich und ekstatisch gibt, mit zweifellos großartigem Gesang, aber auch einigen Längen, die sich hier nicht leugnen lassen. Klar, das ist für Zweisamkeiten geschrieben, aber bei so einem Song besteht halt auch gerne die Gefahr, dass man eventuell einschläft. Handwerklich trotzdem gut gemacht, galaktisch und ein wenig theatralisch, mit einem Gitarrensolo, das auch direkt in Zeitlupe in einer „Baywatch“-Folge laufen könnte.

Missy Elliott bringt im Anschluss auf „Back and Forth“ eine ihrer besten jüngsten Leistungen mit. Sie ergänzt die Geschichte von Kehlani sehr gut und generell kann man sich in dieser Herzschmerz-Geschichte mit diesem wahnsinnig ansteckenden und dennoch eher schüchternen Groove sehr gut fallen lassen.

Die größte Überraschung stellt dennoch das Feature mit Usher dar. „Shoulda Never“ ist ein richtig schönes Brett geworden, ein melancholisches Duett, bei dem einer gescheiterten Beziehung noch einmal viel Raum zur Aufarbeitung gegeben wird. Die Stimmen harmonieren auf hohem Niveau, es gibt einen Rapteil von Usher, der richtig gut kommt, und die gesamte Produktion ist unglaublich anziehend. Das ist ein Lied, das man sehr gerne auflegt, das sich sexy gibt, aber nicht kitschig wird. Und vor allem ist man hier aufgeweckter unterwegs – neben „Folded“ der Lieblingstrack des Albums.

Die starke Albummitte wird mit den beiden Tracks „You Got It“ und „Out The Window“ fortgeführt. Zwei R&B-Balladen, die von Kehlanis Stimme getragen werden und immer wieder kleine musikalische Twists einbauen, die für Abwechslung sorgen und das sonst sehr reduzierte Instrumental auffetten. Insgesamt ist es aber Kehlani, die dieses Umfeld trägt und im Soul ihre Stärken am besten ausspielen kann.

Danach wird es mitunter ein bisschen langatmig. „Still“ kommt nicht so richtig vom Fleck, gibt sich Disney-artiger, hat Streicher dabei, die sehr lieblich kommen und etwas Größeres aufbauen wollen – aber eigentlich hat man alles, was man hören muss, schon in der ersten Minute erlebt. Danach geschieht nicht mehr viel.

„Call Me Back“ bringt wieder T-Pain und Lil Jon dazu und ja, das funktioniert nur bedingt. Gerade T-Pains Sound ist so dermaßen aus der Zeit gefallen, da hilft derweil einmal sehr wenig, dass man das so richtig feiern kann oder es sich nicht komplett fehl am Platz anfühlt. Autotune schön und gut, aber nicht unbedingt in diesem Genre und neben einer Person, die so voll und großartig singen kann wie Kehlani.

Von Cardi B auf „Pocket“ hätte man sich ebenfalls mehr erwartet beziehungsweise von der Konstellation im Allgemeinen. Das hat auf „Invasion of Privacy“ schon sehr gut geklappt. Hier bekommt Cardi allerdings sehr wenig Raum: Man muss knapp zweieinhalb Minuten warten, bis ihre Strophe kommt, und die ist dann zwar aktuell, weil sie sogar auf „Folded“ Bezug nimmt, ansonsten aber klassisch und straight von Cardi durchgerappt. Trotzdem ist der Song zu aufgeblasen oder zu ungünstig konstruiert – da hätte man die Parts eventuell anders aufteilen sollen.

Ähnliches gilt für das Feature mit Big Sean auf „Lights On“. Er ist dabei, erfüllt seine Arbeit ohne große Auffälligkeiten und das war’s. Viel Tiefe bringt so etwas nicht – was ihm gar nicht anzukreiden ist. Es sind einfach die Umstände, die nicht so richtig zünden. Man wagt zu wenig, da bleibt nicht viel hängen.

Dafür kann „Sweet Nuthins“ mit Leon Thomas noch einmal überzeugen. Hier haben sich Musiker:innen gefunden, die eine sehr ähnliche Vorstellung von Musik und Storytelling haben und dementsprechend gut miteinander klarkommen und harmonieren. Man muss aber auch klar sagen, dass sich die Tracklist an diesem Punkt schon sehr langgezogen anfühlt. Es kann vorkommen, dass man zu diesem Zeitpunkt schon leicht abgedriftet ist – was schade wäre, weil „Cruise Control“ ein wirklich lieblicher Song gegen Ende der Platte ist.

„Unlearn“ als Closer kommt schlussendlich ein bisschen zu süß, vielleicht schon kitschig, dennoch ist es ein würdiger Abschluss eines Albums, das sich sehr mit eigener Entwicklung und dem endgültigen Wachsen befasst.

„Kehlani“ ist das bislang beste Album der Sängerin, auch wenn an einigen Passagen der Gürtel enger gezogen und mehr gestrafft hätte werden können, damit das Hörerlebnis kompakter wird. Trotzdem ist es genau dieser Sound, der Kehlani am besten steht. Es bleibt zu hoffen, dass man in Zukunft weiterhin solchen Sound zu hören bekommt.

7/10

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar