Kacey Musgraves – Middle of Nowhere
Label: Kacey Musgraves/Lost Highway

Genre: Country/Pop
Nicht wenige zählen Kacey Musgraves zu den besten Songwriterinnen der Gegenwart. Das kommt nicht von ungefähr: Mit ihrem 2018 erschienenen Album „Golden Hour“ begeisterte die heute 37-Jährige nicht nur Fans und Kritiker:innen, sondern nahm 2019 auch den Grammy für das beste Album mit nach Hause. „Golden Hour“ war eine Meisterleistung in Sachen Storytelling. Schon lange hatte man keine so wundervolle, dann wieder verletzliche Beschreibung von Beziehungen, Liebe im Allgemeinen oder Romantik bekommen. Musgraves ging auch mit sich selbst ins Gericht, reflektierte Vergangenes und wurde so zu einem direkten Sprachrohr für ihre Anhänger:innen, die die beschriebenen Probleme nachvollziehen konnten.
Das Problem nach einem solchen immensen Erfolg ist natürlich, einen ähnlichen wieder einzufahren und ihn zu bestätigen. Das hat bisher noch nicht so wirklich geklappt, da weder der direkte Nachfolger „Star-Crossed“ aus 2021 noch „Deeper Well“ von 2024 die Stärken von Musgraves hervorheben konnten. Vielmehr versuchte sie sich stärker im Pop und ging weg vom Country, was zu eher durchschnittlichen Ergebnissen führte. Auf „Star-Crossed“ verarbeitete sie ihre Scheidung, ließ aber einiges von ihrer sonst so bekannten Scharfsinnigkeit vermissen. Wichtig für sie persönlich, aber recht bieder im Klang. Bei „Deeper Well“ setzte sich dieser Trend fort, auch wenn sie kommerziell große Erfolge verbuchen konnte. Insgesamt waren die Ausflüge in Dream- bzw. Folk-Pop aber nur bedingt unterhaltsam oder wirklich beeindruckend.
Mit „Middle of Nowhere“ kehrt sie jetzt wieder zu ihren Country-Wurzeln zurück und präsentiert sich auch textlich klarer, wenn es um Post-Breakup-Depression und anderen Trennungsschmerz geht. Sie ist zwar einsam, wagt sich aber auch wieder raus, hat ordentlich Reflexion betrieben und macht keinen Hehl daraus, dass sie schon auch gern wieder mehr intime Momente erleben möchte – um es jugendfreundlich auszudrücken.
Man hat das Album als „sexuell aufgeladen“ beworben und das auch gleich mit der Leadsingle „Dry Spell“ untermalen wollen. Dieser Song ist in der Tat eine einzige sexuelle Anspielung, da gibt es nicht viel zu interpretieren: Musgraves ist frustriert und macht das klar und deutlich. Dafür wählt sie einen Sound, der in der Regel nicht für ein solches Themenfeld verwendet wird: ein bisschen Country Noir, also die düstere Version von Country, die manchmal gar als Gothic Country bezeichnet wird. Sprich: Das Ding hat keinen klassischen Country-Swag, sondern setzt mehr auf Tiefen, die den Song antreiben. Musgraves hat immer wieder solche Songs geschrieben, Tracks, die sexuell geladen sind und die man in der Gegenwart eher bei Sabrina Carpenter vermuten würde. Sie ist allerdings Meisterin der direkten, sarkastischen Zweideutigkeit. Und trotzdem wird nicht auf Emotion vergessen.
Musikalisch bewegt sich „Middle of Nowhere“ jedenfalls ganz klar im Country und seinen unterschiedlichen Subgenres. Traditionelle Klänge kommen hier genauso vor wie zeitgenössische Ansätze, teilweise gibt es gar Mariachi oder Latin-Pop zu entdecken. Die 13 Tracks sind angenehm produziert und komponiert, vor allem aber bringt Musgraves nahbare Geschichten mit. Die müssen nicht zwangsläufig gut ausgehen, sind aber in der Regel gut geschrieben und durchdacht. Auch wenn man mal nicht weiter weiß, kann man genau diesem Gefühl des inneren Chaos eine Stimme und in weiterer Folge eine Vertonung geben, damit wieder mehr Klarheit einzieht und schlussendlich die Freiheit als Belohnung wiedergewonnen wird.
Und klar ist auch: Wenn man Country macht, wird man schnell von einem der beiden politischen Lager in den USA vereinnahmt oder verteufelt. Musgraves ist da ein bisschen in der Mitte, sie wird irgendwie von beiden Seiten angefeindet oder geliebt. Gründe dafür liefert sie immer wieder, aber das nur nebenbei – „Middle of Nowhere“ versucht jedenfalls in keinem Takt auch nur den Hauch einer politischen Botschaft zu vermitteln. Sie nutzt das Album für sich selbst und den Umgang mit Einsamkeit.
Dementsprechend gönnt sie sich auch einen Song mit dem Titel „Loneliest Girl“ – aber wer eine Emo-Nummer mit tiefschwarzer Grundnote erwartet, wird bitter enttäuscht. Dieser Track klingt so, als hätte sie die größte Freude an ihrer Einsamkeit. Der Refrain ist wahnsinnig ansteckend und Zeilen wie „I don’t have to act like I like all your friends and your mama / I don’t have to take on your childhood trauma“ könnten auch direkt von Phoebe Bridgers oder Taylor Swift stammen. Ein luftiger und brutal eingehender Ohrwurm.
Der titelgebende Opener dient als guter Indikator für das gesamte Album: Die Instrumente raunzen im Hintergrund, Musgraves setzt mit ihrem charakteristischen, ruhigen und warmen Gesang ein. Allerdings versucht sie hier einen Tempowechsel hin zum Refrain, der gar ein bisschen stolpernd und holprig daherkommt. Anthony Fantano hat den Übergang als einen der schlechtesten bezeichnet, die er jemals gehört hat, weil damit quasi ein komplett neuer Song etabliert werden sollte. Dieser Gedanke ist durchaus nachvollziehbar, die Umsetzung fällt allerdings bei weitem nicht so übel aus. Klar, da stimmt definitiv etwas nicht und von einer schönen, runden Entwicklung kann keine Rede sein – aber der Song lässt sich immer noch gut hören, auch wenn er sicherlich noch einiges an Luft nach oben gehabt hätte.
In der Tat gibt es neben „Middle of Nowhere“ nur noch „Horses and Divorces“, das nicht vollends überzeugt. Der Hintergrund zum Track ist ziemlich großartig: Das ist quasi die Antwort von Musgraves und Miranda Lambert auf den „Girl, So Confusing“-Remix von Charli XCX und Lorde. Die beiden Countrysängerinnen aus Texas haben sich eine jahrelange Fehde gegönnt und begraben jetzt das Kriegsbeil mit diesem von Akkordeon geprägten Track. Die Idee ist sehr gut, die Umsetzung durchaus hörbar, aber noch nicht umwerfend.
Dafür hat sie sonst ausschließlich umwerfende Songs dabei. „Back on the Wagon“ hat brillantes Storytelling und zeichnet eine toxische Beziehung perfekt nach. Musgraves wird dabei gar nicht erst verlegen, jede Red Flag gekonnt zu ignorieren. Die Pedal-Steel-Gitarre leistet ganze Arbeit und ist sicherlich der größte Faktor, warum das alles so gut funktioniert.
„I Believe in Ghosts“ kann man vielleicht als etwas seicht abtun, der Refrain funktioniert aber sehr gut und locker und unterscheidet sich im Allgemeinen doch von den traditionellen Klängen – musikalisch geht es hier eher wieder in Richtung „Dry Spell“.
„Abilene“ ist ein typischer Track über den gefühlten Nabel der Welt, der sich Heimatstadt nennt. Ein wirklich trostloser und dennoch auch mutmachender Song – diesen Zwiespalt zu beschreiben schaffen auch nicht alle Künstler:innen. „Coyote“ mit Gregory Alan Isakov bringt die Mundharmonika ins Geschehen, wobei der Track auch gerne düsterer wäre, als er tatsächlich ausfällt. Insgesamt passiert hier gar nicht mal so viel. Selbiges gilt für „Everybody Wants To Be A Cowboy“ mit Billy Strings, aber hier überzeugen die Harmonien und die allgemeine Stimmung.
Die stärkste Phase folgt ganz hinten, beginnend mit dem Willie-Nelson-Feature „Uncertain, Texas“. Willie hat natürlich nicht mehr den großen vokalen Part, dafür aber eine sehr präsente Gitarre und ein brutales Akkordeon mitgenommen. Das ist wirklich echter Cajun-Flair für eine von Musgraves besungene Stadt, in der offenbar nur die unfähigsten Männer in Sachen Liebe zu finden sind. Ein bitterböser Track mit hoher Anziehungskraft.
„Rhinostoned“ wird man von der ersten Sekunde an lieben, weil der Groove einfach nur mitreißend ist. Man kann das als „nett“ titulieren, der Song ist aber wirklich gelungen, vor allem wenn es zum Refrain übergeht. Alles sehr lieblich und doch auch kraftvoll.
„Mexico Honey“ ist sicherlich der größte Genreswitch des Albums, weil hier schon einiges an Latin-Pop zu hören ist – trotzdem passt das Lied gut zum Rest. Es ist sogar der beste Song des Albums. Musgraves hat hier die Einsamkeit hinter sich gelassen und zeigt sich flirtend und sehnsüchtig. Eine sehr lockere Atmosphäre, die gut ins Ohr geht, inklusive Zuspitzung gegen Ende, wenn die Bridge noch einmal eine ganz andere Note und Richtung einschlägt.
Das Album endet trotzdem mit „Hell On Me“, einem klassischen Musgraves-Trennungssong, in dem sie beschreibt, wie sie jemanden ändern wollte, daran scheiterte und dann auch noch selbst mit dem Scherbenhaufen zu kämpfen hat. Hier regiert die Reduktion: In der Ruhe liegt die Kraft, die akustische Gitarre macht neben dem Gesang die meiste Arbeit. Auch das funktioniert.
Insgesamt gefällt „Middle of Nowhere“ überraschend gut. Nach den letzten beiden Alben war die Skepsis gegenüber Musgraves’ musikalischer Innovationskraft durchaus berechtigt, doch mit ihrem neuen Album findet sie wieder deutlich stärker zu den Qualitäten zurück, die „Golden Hour“ einst so besonders gemacht haben. Vor allem im Country scheint sie musikalisch weiterhin am besten aufgehoben zu sein.
Starke 7/10