Label: Atlantic Records

Genre: Indie-Rock, Indietronica
Zwei Dinge ziehen sich durch die Karriere von Charli XCX: Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und sie schert sich nicht darum, welche Erwartungen Menschen an ihre Musik haben – lässt sich schon gar nicht von Trends diktieren, wie sie ihren musikalischen Zugang wählen soll. Sie hat sich zwar mit „Crash“ dem Mainstream angenähert, gleichzeitig aber auch sehr schnell gemerkt, dass dieser durchgetaktete und hochpolierte Ansatz eher nicht zum Erfolg führt. Dafür war sie immer schon zu viel DIY, was in der minimalistischen Ästhetik von „Brat“ gipfelte.
Wenn „Brat“ ihre hedonistische, nie enden wollende Party war, ist „Music, Fashion, Film“ ihr Versuch, irgendwie mit dem ganzen Rummel und Erfolg klarzukommen. Dass sie dafür zunächst die Tanzflächen für tot erklärt hat („I think the dancefloor is dead, so now we’re making rock music“), ließ aufhorchen, durfte aber angesichts von Charlis sarkastischer Grundart mit einem Augenzwinkern verstanden werden. Soll sie halt Rock-Musik machen – in diesem Stadium der Karriere genießt sie praktisch Narrenfreiheit. Ein stumpfes, musikalisch ähnliches Nachfolgewerk im Stil von „Brat“ wäre tatsächlich überraschend gewesen.
Dennoch blieb der Satz aus der Lead-Single „Rock Music“ medial in aller Munde – dabei hat sie ein paar Monate später in einem Interview mit dem Rolling Stone einen viel essentielleren Einblick in ihr Seelenleben gegeben, den man im Hinterkopf behalten sollte, wenn man dieses achte Album ein bisschen besser durchblicken möchte: „I’m in the worst place mentally that I’ve been in my life“.

Angesichts des enormen Erfolgs von „Brat“ ein Geständnis, das sowohl überrascht als auch logisch erscheint, wenn man die Karriere der 33-jährigen Britin schon länger verfolgt. Charli hat nie einen Hehl daraus gemacht, ihre mentalen Herausforderungen, Probleme und Krisen als auch ihre euphorischen und glücklichen Momente mit der Welt zu teilen. Das ist ihr Alleinstellungsmerkmal und zieht sich von „True Romance“ über sämtliche EPs und Mixtapes bis zu „Brat“ durch. Auch deshalb wurde „Brat“ als eines der besten Pop-Alben der vergangenen Jahre bezeichnet – weil Charli ihren unverwechselbaren Sound mit Lyrics verknüpfte, die nicht nur nachvollziehbar, sondern vor allem ehrlich erschienen.
Egal was sie bisher tat und sagte, gab sie Hörer:innen auf jeder Platte das Gefühl, sie ein Stück besser kennenlernen zu dürfen. Wenn sie also in der kritischsten Phase ihrer Karriere – jener, die „Brat“ bestätigen soll – schon vor der Veröffentlichung zugibt, dass es ihr mental alles andere als gut geht, kann man sich ungefähr vorstellen, welchem enormen Druck sie sich selbst auferlegt.
Die Suche nach einem neuen Sound
Und es stimmt: Alle Augen der Pop-Welt liegen natürlich auf ihr. Nach dem Soundtrack-Album zu „Wuthering Heights“ wollte man endlich wissen, wie der „Brat“-Nachfolger klingt und aussieht. Als Antimarketing-Genie glorifiziert, zog sie durch die Auswahl von John Cale, Marc Jacobs und Martin Scorsese als Coverstars schon den Unmut auf sich. Diskussionen waren vorprogrammiert: Drei (alte) weiße Männer als visuelle Hauptkomponente eines Albums jener Künstlerin, die in den vergangenen Jahren zu einer Ikone der LGBTQIA+-Community geworden ist – wie passt das zusammen? Schwarz-Weiß statt grellem Grün, noch mehr Reduktion als beim Vorgänger. Wieder so ein Hinweis darauf, dass man so weit wie möglich von „Brat“ entfernt bleiben will.
Nach „Brat“ lastet auf ihr die Erwartung, erneut ein Pop-Feuerwerk abzuliefern, das sich am besten noch organisch und nicht aufgesetzt anfühlt. „Music, Fashion, Film“ möchte aber nicht mit „Brat“ konkurrieren, ja, es möchte nicht einmal im selben Raum wie der Vorgänger stehen. Es ist ein völlig anderes Album geworden, setzt auf kurze Laufzeit von gerade einmal 30 Minuten, schenkt uns nur zwei von elf Songs mit einer Dauer von über drei Minuten und ist deutlich kühler angelegt. Für „Music, Fashion, Film“ setzt sie an manchen Stellen aber absichtlich auf eine übertriebene Attitüde – die innere Göre soll nicht ganz sterben.
Das wird im Opener „Rock Music“ gleich hörbar, der noch relativ leicht daherkommt: „Wow, I’m really banging my head / I’m really hurting my neck, the nerve damage is real / But it’s the only way to feel something“ – das ist ulkig und natürlich auch übertrieben, aber bringt genau die richtige Prise Humor mit, die man von Charli auch gewohnt ist. Der Song an sich fällt sehr kurz aus, lehnt sich instrumental auch nicht zu weit aus dem Fenster, schlägt allerdings auch mit den natürlichsten Vocals in langer Zeit auf – keine Verzerrungen, bis das Wort „Rock“ ertönt. Setzt Charli mit diesem Opener also den Ton für das restliche Album? Bedingt. Denn der minimalistische und teilweise sehr emotionale Ansatz zieht sich durch die elf Songs und die folgenden 30 Minuten.
Rockmusik, Glitches und die Rückkehr zur Intimität
Charli hat die Platte wieder mit ihren kongenialen Mitstreitern A.G. Cook und Finn Keane produziert – aber anstatt treibenden Beats versucht man sich in der Tat an verzerrten Gitarren, die mit Glitches verziert werden und immer wieder in einen Loop gewandelt werden. Kaum Synthesizer, stattdessen stehen Gitarren, Melodien und Charlis Stimme deutlich stärker im Mittelpunkt. Quasi Charlis Interpretation des Indie Sleaze, die aber nicht den Anschein erweckt, aufgesetzt zu sein. Dazu muss man sich nur den Song „2007“ anhören – die Lyrics bestehen aus nur wenigen Sätzen, dafür verliert man sich sehr schnell in dieser wahnsinnig einnehmenden Kulisse. Cook, Keane und Charli nehmen zwar jetzt Gitarren in die Hand, verlernen deshalb aber nicht, wie man einen guten Pop-Song schreibt. Dieses Album besteht aus einem intimen Rahmen, dessen Inhalt sich trotzdem noch ins Ohr bohrt.
Es war nicht einfach, dem Album nach den Vorabsingles mit einem ehrlichen Hype gegenüberzustehen. „Rock Music“ fühlte sich nach Songskizze an und auch an die zweite Single „SS26“ („Spring, Summer 26“) musste man sich aufgrund der sehr reduzierten Produktion erst gewöhnen. Charlis Hang zur Eskalation tritt in den Hintergrund, sie gibt uns hier teilweise sehr gediegene Klangbilder. Aber wenn man es schafft, sich auf „MFF“ einzulassen, wird „SS26“ schnell zu einem der besten Songs des Albums. Der minimalistische, klare Beat im Zusammenspiel mit dem straighten Bass und den sanften Vocals im Refrain machen den Track zu einem großartigen Ohrwurm, der eben nicht mehr darauf aus ist, alle Menschen in einen kollektiven Rausch zu führen, sondern zwei Jahre nach dem „Brat“-Summer daran erinnern soll, dass die Welt untergehen wird. Auch thematisch wird es düsterer, darf aber humorvoll bleiben: „Think my politics could work as a press strategy / And my heritage could give me quite the USP / Can’t hide the fact I’d rather take the easy road / Yeah, I think I’ll be alright if I look good in the clothes.“
„Wink Wink“ veröffentlichte sie ebenfalls noch vor dem Album und wird zu einem Track, der aus bewusst übertriebenen Szenarien besteht. Charli beteuert darin, dass sie kein „bad girl“ mehr sei – nur um ein Augenzwinkern nachzuschieben. Dennoch merkt man, dass doch einiges an Wahrheit hinter den Lyrics steckt und sie durchaus damit kämpft, ihre öffentliche und ihre private Person in Einklang zu bringen. Dieser Track – so sehr er sich auch instrumental von allem Vorangegangenen trennen will – könnte durch die ansteckende Hook noch am ehesten auf einem Album wie „Crash“ oder gar in irgendeiner der zahlreichen „Brat“-Versionen zu finden sein.
An anderen Stellen wird der neue Sound hingegen voll ausgekostet: „Card Declined“ könnte reduzierter kaum sein. Eine markante, verzerrte Gitarre steht Charlis klarem Gesang gegenüber. Der Track wirkt zunächst behäbig, nimmt sich immer wieder Tempo und Dynamik, nur um zur Mitte hin doch noch Glitches einfließen zu lassen und Charlis Stimme in höhere Register zu treiben. Sie ist hier auf der Suche nach einer Persönlichkeit und versucht, diese durch exzessives Shopping zu erschaffen. Düster und ironisch arbeitet sie sich am Massenkonsum ab – und irgendwo muss der „Fashion“-Aspekt aus dem Titel auch behandelt werden. Der zweite Teil des Songs wirkt schließlich fast wie ein eigenständiges Lied: Stimmung und Tempo kippen noch einmal komplett, bevor die Platte mit einer Interpolation der B-Seite „I Keep On Thinking ‚Bout You Every Single Day And Night“ ausklingt.
Die Person hinter der Persona
Charli weiß, dass ihr die Türen zur Welt mittlerweile offen stehen – zu allen möglichen Unterhaltungsbranchen und Feldern. Ihre Liebe zum Film ist bekannt, zuletzt trat sie auch vermehrt als Schauspielerin in den Vordergrund. Auf dem Song „Camera“ versucht sie dieses neue Leben irgendwie zu beschreiben. Sie setzt sich mit ihren Ängsten auseinander und fragt sich, ob sie dumm ist, mit bald 34 Jahren noch eine Leinwandkarriere anzustreben. „It makes me wanna throw my life away/ ‘cause I feel different on the mark / Something new and undiscovered / And something kind of violent / Daring to fail and being ugly / I’m inspired and alive“. Doch sie überwindet ihre Ängste ironischerweise genau mit ihrer Brat-Attitüde: „I don’t feel embarrassed even if I suck / I’m always craving an experience that feels dangerous“. Trotzdem endet der Song nicht mit einer befreienden Euphorie, sondern viel mehr mit einem bitteren Geständnis: „And maybe this is it, maybe it’s what I need / ‘Cause it’s the only way to feel like I’m not actually me.“ Eine Flucht vor sich selbst und in Rollen, um nur für einen kleinen Moment eine andere Perspektive leben zu können.

Die Frage nach dem „Wer bin ich jetzt nach all dem Erfolg eigentlich?“ wird zu einem Kernthema: In „Persona“ kann man – wenn man den Song so interpretieren will – einen Dialog zwischen Charli und ihrer eigenen öffentlichen Figur lesen: „I know you’re performing, I know that you’re hurting“ oder „We’re both under the influence of life imitating art“ erinnern ein wenig an ein Selbstgespräch. Nach dem weltweiten Erfolg von „Brat“ scheint Charli sich zu fragen, wo ihre Persona aufhört und sie selbst beginnt. Dabei helfen können ihr ihre Freunde: Mit „Magic Metal Montana“ widmet sie A.G. Cook einen wundervollen Tribut für ihre Freundschaft, den A.G. mit einem der vielseitigsten Instrumentals des Albums erwidert und auf dem es schon wieder mal ein bisschen elektronischer zugehen darf.
Der Schlüssel zum Verständnis von „Music, Fashion, Film“ und womöglich auch eine Antwort auf die Frage, warum Charli mental aktuell so angeschlagen ist, liegt in „I’m Afraid“ – auch wenn der Song musikalisch nicht zu den stärksten Momenten des Albums zählt: „I’m nothing without him / What if I ruin it? / Take the ring“ singt sie im Refrain und legt damit sämtliche Selbstzweifel offen. Aus der sonst so selbstbewussten Pop-Provokateurin wird plötzlich ein Mensch, der Angst davor hat, sein eigenes Glück wieder zu zerstören. Ihre Hochzeit und Beziehung mit George Daniel wird nicht als romantisches Happy End inszeniert, sondern als etwas, das ebenso viel Unsicherheit wie Geborgenheit auslöst – und wird damit zu einer indirekten Fortsetzung von „I Think About It All The Time“.
Besonders eindrucksvoll ist dabei die schonungslose Ehrlichkeit, mit der Charli ihre eigenen Widersprüche beschreibt. „I’m a wife, I’m a kid / I’m destroyed, I’m a bitch“ – innerhalb weniger Sekunden schwankt sie zwischen unterschiedlichen Rollenbildern, Selbsthass und Hilflosigkeit. Noch entlarvender wird es in der zweiten Strophe, wenn sie sich selbst eingesteht, dass sie ihren Schmerz manchmal romantisiert, weil sie glaubt, dadurch bessere Kunst schaffen zu können. „All this pain makes me believe I’m a better artist now / An excuse I tell myself to act selfishly.“ Es sind die ehrlichsten und hüllenlosesten Momente von „Music, Fashion, Film“, völlig ohne Ironie, in denen sich Charli vollkommen ungeschützt zeigt.
So legt man den Song auch an – zärtlicher Gesang in den Strophen, eine akustische Gitarre mit Steigerung zu Verzerrungen im Refrain. Nur leider bleibt das Energielevel immer gleich, die gewählte Melodie in den Strophen fällt zu simpel aus und die Wiederholungen im Hauptteil lassen irgendeinen raffinierten Twist vermissen. Man steht also vor einem Dilemma: Für Charli dürfte der Song der wichtigste von „Music, Fashion, Film“ sein, als Hörerlebnis bleibt er allerdings einer der schwierigsten.
Vergänglichkeit als letzter Ausweg
„Music, Fashion, Film“ hat immer wieder diese herzzerreißenden Momente. „Yeah“ bringt sie auf ihre wohl minimalistischste Form: Zunächst lehnt Charli jedes Gefühl kategorisch ab („I don’t wanna“), ehe sie den Song mit einer kleinen, aber entscheidenden Wendung auflöst: „Now I wanna feel it.“ Aus emotionaler Taubheit wird der Wunsch, überhaupt wieder etwas spüren zu können.
Vielleicht hat der Erfolg Charli aber auch einfach ihre eigene Vergänglichkeit bewusster gemacht. Der Closer „No One Lasts Forever“ greift den Gedanken des Memento mori auf: Weder Ruhm noch Erfolg oder Kunst können den Menschen dahinter unsterblich machen. David Cronenberg, der einzige Feature-Gast, bringt diese Erkenntnis im abschließenden Spoken-Word-Part auf den Punkt: Kunst mag Jahrhunderte überdauern – der Künstler erlebt sie nicht mehr. „Oblivion is freedom.“ Ausgerechnet in dieser Vergänglichkeit findet „Music, Fashion, Film“ am Ende so etwas wie Frieden.
Fazit
Die kurze Dauer von „Music, Fashion, Film“ stört im Grunde nicht, auch wenn die drei nur käuflich erwerbbaren B-Seiten sicherlich eine feine Ergänzung für ein noch runderes Bild gewesen wären. Wer auf eine Brat’sche Eskalation hoffte, wird diese Platte vermutlich seltener wieder auflegen. Wer sich hingegen an reduzierten Rock-Klängen mit einigen sehr persönlichen Lyrics erfreut, kommt kaum davon weg. Man darf gespannt sein, wie man auf diese Platte in ein paar Jahren blickt. Dieses Album ist weder für Angels noch für Brats – es ist ein Album für Charli.
Schwache 8/10
Früher Sängerknabe, heute zwischen Fußball, Football und viel Musik. Im Herzen immer Punker.

