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The Strokes – Reality Awaits

Label: RCA Records

Genre: Indie Rock

Schon die bloße Ankündigung eines neuen The Strokes-Albums lässt in der Regel die Herzen von Indie-Fans höherschlagen. Doch im Vorfeld ihres siebten Albums „Reality Awaits“ hat sich zur Euphorie dieses Mal auch noch die Sorge gesellt. Die Vorabsingles „Going Shopping“ und „Falling Out of Love“ zeigten nämlich ein deutlich anderes Klangbild als man es von den Indie-Legenden gewohnt ist. 

Autotune als größtes Hindernis

Frontman Julian Casablancas setzt exzessiv auf den Einsatz von Stimmverzerrern, teilweise in einem Ausmaß, das zunächst kaum aushaltbar erscheint. Autotune bei den Strokes? Kann man sich in diesen Zeiten denn auf gar keine Konstante mehr verlassen? Diese Frage führt uns zum Kernthema von „Reality Awaits“: Die Strokes beschäftigen sich hier ausgiebig mit unserer Gegenwart und nahen Zukunft, versuchen sich irgendwie zwischen künstlicher Intelligenz und Konsumwahn zu orientieren und fragen sich, ob man heute überhaupt noch etwas Echtes schaffen kann. Wie passt also Autotune mit diesem Konzept zusammen?

Zunächst nur sehr schwer. Der Opener „Psycho Shit“ stellt den Hörer auf eine echte Geduldsprobe. Casablancas kennt kein Erbarmen und zieht den exzessiven Autotune-Einsatz über fünfeinhalb Minuten gnadenlos durch. Nahezu jede Zeile wird verfremdet, bis man sich ernsthaft fragt, ob man das Album nicht einfach wieder ausschalten sollte. Das ruhige, atmosphärische Instrumental wird von den futuristischen Vocals beinahe erdrückt. Wer an dieser Stelle nur kopfschüttelnd dasitzt, dürfte damit wohl kaum allein sein. Warum macht Casablancas das? Hört er selbst nicht, wie anstrengend das klingt? 

Warum das Konzept trotzdem aufgeht

Die überraschende Antwort lautet: Doch. Er hört das. Aber darin liegt die schlussendlich größte Stärke von „Reality Awaits“. Je länger das Album dauert, desto mehr verschiebt sich nämlich der Fokus. Irgendwann hört man nicht mehr nur den Autotune, sondern beginnt auf das zu achten, was darunter passiert. Und plötzlich merkt man, dass die Strokes hier musikalisch vielleicht so gut zusammenspielen wie seit Jahren nicht mehr.


Schon „Dine N’Dash“ zeigt das eindrucksvoll. Breite Synthesizer treffen auf ein herrliches Gitarrenriff, Fabrizio Morettis tightes Schlagzeug hält alles zusammen und Casablancas wechselt ständig zwischen rohen und verfremdeten Vocals. Der Song wirkt gleichzeitig vernebelt und glasklar – es entsteht ein wunderbar dynamischer Song, der über seine fünf Minuten hinweg nie an Spannung verliert und man kann definitiv sagen, dass sich dieser Track als Opener deutlich einstiegsfreundlicher gezeigt hätte. 

© Jason McDonald

Ähnlich verhält es sich mit der sehr ansteckenden Melodie von „Lonely in the Future“, tolles Instrumental, sehr drangvoll und groovig. Dafür gönnt sich Julian gesanglich einen der ausuferndsten Autotune-Momente der Platte, der dementsprechend im klaren Kontrast zum Rest des Dargebotenen steht. Lyrisch ist der Song einer der ulkigsten, hier wird über YOLO und Outfits von The Weeknd gesungen – aber auch Anthony Fantano namentlich erwähnt. Für den berühmten Musikkritiker hat Casablancas nur bedingt freundliche Worte: „I heard that twenty fucking years ago, I did / Fantano, word for word, when I was a kid / Stick to the technical ‚cause that’s great / But you would not recognize art in any age“. 

Spätestens mit diesem Song ändert sich die Sichtweise auf die Platte fast radikal, weil man feststellt, dass die Komposition des Albums wirklich sehr gelungen ist. Gleichzeitig ist „Lonely in the Future“ auch stellvertretend für die Entwicklung, die man mit der Platte durchmacht. Irgendwann blendet man die Autotune-Eskapaden mehr und mehr aus und man kann sich nicht nur leichter fallen lassen, sondern die neun Songs sogar genießen.

Autotune und der Einfluss der Voidz ist nicht das generelle Problem dieses Albums. Im Gegenteil: Es gibt einige Momente, in denen die verfremdete Stimme perfekt zu dieser dystopischen, leicht entfremdeten Atmosphäre passt, die sich durch die ganze Platte zieht. Man hört, dass Casablancas bewusst mit Künstlichkeit spielt und sich fragt, wie echt unsere Welt überhaupt noch ist. Als künstlerisches Konzept funktioniert das erstaunlich gut.

Ein Album, das mit jedem Hördurchgang wächst

Diese Erkenntnis hat sich vor ein paar Monaten noch völlig utopisch angehört. Als The Strokes ihre zweite Single „Falling Out of Love“ präsentierten, konnte man sich ein wahnwitziges Lachen im Laufe der sechseinhalb Minuten kaum verkneifen. Ein Lied, das sich überhaupt nichts schert und das man aufgrund der teilweise wohl unfreiwillig komisch anmutenden Autotune-Passagen nur schwer ernst nehmen konnte. Aber im Albumkontext funktioniert der Track plötzlich, er dient nicht nur dazu, der Platte einen Tempowechsel in ruhigere Passagen zu verpassen, sondern entpuppt sich auch als gelungener Track mit reifem Blick auf ein Beziehungsende. 

Die Fraktion der Liebhaber:innen des klassischen Strokes-Sounds wird hingegen mit „Going to Babble On“ ihre größte Freude haben. Dieser Song strahlt eine herrliche Indie-Rock-Wärme aus und schafft Zuspitzungen, die sich in angenehmen Harmonien und Strukturen auflösen. Sicherlich ein Song, der in ähnlicher Form aus den späten 00ern stammen könnte. Mit „Going Shopping“ verhält es sich ähnlich wie mit „Falling Out of Love“, auch dieser Song wächst. Den Groove der Gitarren hat man schon bei der Veröffentlichung als Leadsingle spüren können, jetzt versteht man auch den Spagat zwischen Konsumzwang, Authentizität und KI besser – der eben durch den Autotune-Einsatz vertont wird.

Mit „Liar’s Remorse“ wird ein starkes Albumende eingeleitet. Der Track kommt relativ ernst daher, da ist wenig von der sonst sehr humorvollen Charakteristik zu hören. Das mag auch am reduzierten, aber kraftvollen Gesang von Casablancas liegen – der dieses Mal völlig auf irgendwelche Verzerrungshilfen verzichtet. Dadurch werden die schmerzvollen Lyrics noch viel unmittelbarer transportiert: „Listen to the AI to tell you what to do today“. Orgelklänge, helle Gitarren und ein wenig Impro zum Ende mit Videospiel-Charakter zeichnen den Song aus. „The Fruits of Conquest“ kann diesen Groove mitnehmen, baut zudem noch auf vielseitigere Percussion und einen schön anschiebenden Bass. Hier gibt es keinen Stillstand, Casablancas wechselt zwischen seinen Stimmregistern, schrille Synthis kommen und gehen und kurze, bewusst verschobene Mehrstimmigkeiten erinnern fast an Radiohead.

Hört man die ersten Töne des Closers „Tyrants of the Mellow Moon“, will man sich so groß und breit im Instrumental ausbreiten wie nur möglich – bis die Autotune-getränkten Vocals doch wieder ein bisschen was von der Euphorie wegnehmen. Dieses Lied ist stellvertretend für das Album: Großartige Instrumentals, die manchmal zu sehr vom Gesang überdeckt werden. 

Fazit

Trotzdem muss man sagen, dass „Reality Awaits“ bei Weitem kein schlechtes Album ist. Es ist eine Platte, die eine offene Herangehensweise fordert und sich dann mit jedem Hördurchgang zu etwas Größerem entwickelt. Gleichzeitig soll noch einmal erwähnt werden, dass man mit „Psycho Shit“ die wohl größtmögliche Einstiegshürde eingebaut hat.

Wenn man die Hemmschwelle aber genommen hat und sich darauf einlässt, wird man mit einem spannenden Album belohnt. „Reality Awaits“ ist eine Platte, die vielleicht ein bisschen zu früh kommt und erst in ein paar Jahren die volle Anerkennung finden könnte – weil einfach zu viel auf einmal passiert. Konzeptionell geht dieser mutige Ansatz jedenfalls auf – auch wenn er einem den Zugang unnötig schwer macht.

7/10

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