Label: Division / RCA & GOLD LEAGUE / SONY

Genre: Deutsch-Rap
Wer die Karriere von Rin auch nur ein wenig verfolgt, wird sich kaum wundern, dass der Bietigheim-Bissinger ein Album mit dem Titel „Nostalgia“ veröffentlicht. Die Nostalgie ist eine der Hauptcharakteristika im musikalischen Schaffen Rins, der sich für dieses vierte Album fast fünf Jahre Zeit ließ. Schon seit seinen Anfängen prägt eine eigene, von Retro-Ästhetik geprägte Atmosphäre seinen Sound. Rapsingt sich Rin auf „Nostalgia“ also durch seine Kindheit und Jugend?
Ja, an einigen Stellen macht er das – hauptsächlich widmet er sich aber der Suche nach verlorengegangener Zeit. Das muss nicht unbedingt eine Rückkehr in die Vergangenheit bedeuten, sondern kann sich auch im Hier und Jetzt widerspiegeln, wenn er beispielsweise zu sehr vor dem Handy sitzt und seine Onlinesucht thematisiert. Es kann aber auch bedeuten, dass er jegliches Raum- und Zeitgefühl verliert, weil er gerade betet, nach oben schaut oder doch in irgendeiner Karre sitzt, die er sich als Statussymbol gönnen möchte. Textlich bekommt man auf „Nostalgia“ keine großen Sprünge, Rin geht die Sache wie üblich an und wechselt in den 45 Minuten zwischen jeder Menge popkultureller Vergleiche, Urlaub, Espresso, Autofahren, Rolex-Flex, Gottesfurcht und Fashion hin und her. Damit bleibt er sich treu – Rin ist ein Künstler, der ganz klar von der Stimmung kommt. Und „Nostalgia“ ist wieder einmal ein Album, dessen herausragende Beats das Geschehen definieren.
Zusammen mit Alexis Troy und Minhtendo hat er wieder eine Welt geschaffen, die sich von vorne bis hinten ausschließlich gut anhört und das Thema der Platte nahezu perfekt vertont. Analoge Beats ziehen sich durch, man spielt sich mit unterschiedlichen Zugängen und kreiert vielfältige Strukturen. Rin gibt den Instrumentals viel Raum, bringt mit „Startup“, „Cutscene“, „Are You Still Playing?“ und dem Closer „Shutdown“ gleich vier fast rein akustische Nummern, die einen schönen Spannungsbogen darstellen. Dennoch bemerkt man schnell, dass „Nostalgia“ mit ähnlichen Problemen wie der Vorgänger „Kleinstadt“ zu kämpfen hat: Rin hat eigentlich gar nicht mal so viel zu erzählen oder er verpasst es, mal eine neue Sicht auf gewisse Dinge zu präsentieren. Klar, die Querverweise und Vergleiche bleiben omnipräsent – aber er trifft leider nicht mehr vollständig.
Trotzdem wäre es kein Rin-Album, wenn es nicht mindestens drei, vier echte Banger geben würde: „Bladerunner“ braucht nur ein paar Takte und man weiß, wo man zu Hause ist. Toller Electro-Beat, den Rin in typischer Manier mit einer gesungenen Hook poliert. Manche Musiker haben eine eigene musikalische Handschrift – Rin gehört definitiv zu ihnen. Selbiges gilt für „Odyssee“, dem besten Track der Platte. Hier gibt es nicht nur mehr Hunger und Angriffslust von Rin, sondern auch einen in Hochform auftretenden Schmyt, dessen Part daran erinnert, warum er immer noch zu den besten und spannendsten Stimmen der deutschsprachigen Musikszene zählt.
Gerade der Albumstart holt sehr gut ab, zumindest wenn man einen Rin hören will, der das macht, was er am besten kann: Cloudrap ohne weitere Experimente. Die Hook von „CTG“ bekommt man kaum aus dem Kopf, sonst bleiben hauptsächlich die vielen Lines über Gott in Erinnerung. Von denen gibt’s auf „Nostalgia“ generell extrem viele, was schon dazu hinreißen lässt, sich doch gerne mal einen Themenwechsel zu wünschen.
„Exit Through The Gift Shop“ kann sich ebenfalls auf einen umgarnenden Refrain verlassen, kommt durch die lockere Stimmung gerade in den Sommermonaten sehr gut. Dem entgegen stehen die beiden Features des Albums. „Wach“ zusammen mit Reezy kann sein Potential nur bedingt ausspielen, hier existieren die beiden Künstler eher parallel nebeneinander, als dass sie zusammen agieren würden. Und selbst das auf dem Papier spannende Feature mit OG Keemo „Redrising“ wird zu einer echten Belastungsprobe. Es ist der einzige Track des Albums, dessen Beat nicht voll zündet und immer wieder an „Black & Yellow“ erinnert, was Rin dazu veranlasst, einen der dürftigsten Flows auszupacken. Keemo kann sich besser ausbreiten, allerdings muss man sich in der Tat zu seinem Part erst durchkämpfen – was gute zwei Minuten dauert. Sehr bitter.

Mit „Purpurne Flüsse“ gibt’s einen flockigen House-Track, in „Pelzmäntel & Schufa“ die beste Abbildung nostalgischer Bilder und eine enorme laidback Atmosphäre. Dem entgegen steht „Rapcity Freestyle 2.0“, der aggressivste Song der Platte, der aber nicht wirklich vom Fleck kommt. Rins Flow und Lyrics tragen nicht wirklich zu einem runden Hörerlebnis bei.
Der Track „Totoro“ ist gewissermaßen ein Paradebeispiel für die zweite Albumhälfte von „Nostalgia“: Rin rappt sich in melodischer Drake-Manier fast beiläufig durch die Strophen, bringt dann Lines wie „Ich denk an dich beim Beten / Land oder Range Rover, nichts an dir ist basic / Wäre ich im Koma, wärst du noch mein Babe“ und versprüht ähnlichen Hunger wie Gäste eines All-You-Can-Eat-Buffets nach dem sechsten Teller Schweinsbraten mit Knödel. Immerhin wird er in diesem Fall aber noch von einer zart-gesungenen Hook von PANTHA gerettet. „Inuyasha Redux“ darf man als Grower bezeichnen: Hinter dem zunächst nicht auffallenden House-Trap entpuppt sich schließlich noch ein interessanter Beatwechsel in Richtung Indie-Rock.
„Nostalgia“ hätte es durchaus gutgetan, ein bisschen entschlankt zu werden. Hinten raus gibt es mit „Blackberry“ nur noch ein einziges kleines Highlight, die anderen Songs tragen nicht mehr viel zum Erlebnis bei – auch wenn man in „Angel Eyes“ sogar noch ein „I Like“-Sample von Keri Hilson einstreut.
Es bleibt also alles beim Alten: Rin hat wieder ein Album gemacht, das von herausragenden Beats lebt, ein paar Rin-typische Banger bringt, sonst aber ziemlich gern in denselben, eher seichten Gewässern bleibt.
Starke 6/10
Früher Sängerknabe, heute zwischen Fußball, Football und viel Musik. Im Herzen immer Punker.

