Label: FOUR Music

Genre: Indie-Pop, Rock
Für viele ist die Periode nach einer ausgelassenen Party und dem endgültigen Nachhauseweg das eigentliche Highlight eines ausgiebigen Ausgehabends. In den Morgenstunden scheint die Zeit anders zu vergehen, die Stimmung dreht noch einmal, Freundschaften entstehen oder vertiefen sich während des Absackers. Gesprochen wird über Gott und die Welt, es darf philosophiert, ausgelassen Gefühle offenbart oder Sorgen geteilt werden.
„Afterhour Kaltenbrunnen“, das Debütalbum von Cordoba78, gibt einen Abriss darüber, worüber die Gen-Z in diesem undefinierbaren Zeitraum spricht. Es ist kein Konzeptalbum geworden – was für eine Band, die sich erst 2023 gründete auch unüblich wäre – hat aber trotzdem einige Erzählstränge und Leitmotive, die sich durch die Platte ziehen. Cordoba78 sind fünf junge Erwachsene aus Vorarlberg, die sich noch ernsthaft Gedanken über Gegenwart und Zukunft machen, ohne einem Zynismus zu verfallen. Was bemerkenswert ist, weil es zum einen nur logisch erscheint, auf die täglichen Horrornachrichten mit einem Coping-Mechanismus zu reagieren. Zum anderen leben die Musiker mittlerweile in Wien und da regiert allgemein ein eigener Weltschmerz und Grantlerblues.

Blues ist ein gutes Stichwort, er dient Cordoba78 als Ausgangspunkt für dieses Bandprojekt. Sänger Carlo Giulio Sossella und Gitarrist Tobias Fussenegger nennen als Hauptinspirationsquelle die Musik der 60er und 70er, Jazz und Blues ist der kleinste gemeinsame Nenner aller Beteiligten. Sie lassen die Stilrichtung auch immer wieder durch die 14 Songs durchblitzen, legen sich aber generell kaum auf ein fixes Genre fest: Es darf psychedelischer zugehen, dann auch wieder poppiger, rockiger, lauter oder gefühlvoller. Im Zentrum steht dabei definitiv Carlo Sossella, der dem Sound mit seiner prägnanten Stimmfarbe eine ganz eigene Note mitgibt: Mit hoher Energie lässt er seine tiefe, rauchige Stimme leichtfüßig durch die Lieder wandern. Nicht zuletzt deshalb wird die Band mit AnnenMayKantereit verglichen – zwischen Henning und Carlo liegt stimmlich wirklich nur sehr wenig Abstand.
Aber hier geht’s nicht um Deutschpop aus Köln, sondern um richtig spannenden neuen Sound aus Vorarlberg/Wien. Gerade einmal drei Jahre nach der Gründung veröffentlicht die Gruppe, die sich nach einem der legendärsten Fußballspiele der österreichischen Sportgeschichte benannte, bei FOUR Music ihr Debüt – was die Zuversicht der Musikbranche gegenüber Cordoba78 verdeutlicht. Aufgenommen wurde in den legendären Hansa Studios in Berlin und herausgekommen ist eine bemerkenswert stringente Platte.
Coming-of-Age-Alben laufen gerne Gefahr, sich in einem Themenpulk zu verlieren oder aus dem Lebenslabyrinth nicht mehr herauszufinden – bei Cordoba78 geschieht das Gegenteil. Sowohl reflektiert als auch antreibend darf man in ihre Gedankenwelt eintauchen und neben jeder Menge Liebe auch einiges über Angst, Zweifel und Wut der Gen-Z erfahren. Die letztgenannten Attribute hört man speziell in den politischen Songs, wie dem Opener „Teufel auf dem Schoß“: Hier wird psychedelisch eröffnet, die Drums steigen peitschend ein und Carlo singt über die Zustände der Welt, die „brennt“.
Seine Beobachtungen sind treffend ohne dabei belehrend zu wirken oder sich selbst von der Kritik herauszunehmen – auch wieder eine Sache, die sich wie ein roter Faden durch „Afterhour Kaltenbrunnen“ zieht: Sie sind sich ihrer privilegierten Situation als weiße, junge Männer in Europa bewusst, geben auch zu, hedonistisch am Weg zu sein – nur um im nächsten Moment in genau diesem Hedonismus einen möglichen Kern des Übels zu sehen. „Der Himmel brennt in Europa“ ist deshalb einer der interessantesten Tracks des Albums: Es ist die Vertonung einer Gesellschaft, die dem Untergang ins Auge sieht, aber völlig okay damit ist, wenn alles so weitergeht wie bisher. Weil, wird schon irgendwie werden. „Wir ersticken im Koma“, wird zur Schlüsselzeile. Cordoba78 klagen nicht an, sie zeigen viel mehr auf und sprechen das Offensichtliche an: Westliche Dekadenz, eine Wegwerfgesellschaft, die sich zwar mit Krieg und Klimakatastrophen arrangieren muss, selbst aber nur sehr wenig dagegen tut. Man spürt die Verzweiflung und die Ohnmacht im Ausdruck der Band, es ist ein deutlich düsterer Song als viele andere der Platte.
Aber gut, so bierernst geht es sonst nicht zu. „Averna Sour“ bleibt dem psychedelischen Ansatz treu und dröhnt fein daher, während Carlo im Refrain in ein untypisches Falsett wechselt und dem titelgebenden Getränk huldigt. Hier trifft Funk auf Rock und Pop und man bekommt tatsächlich alles unter einen Hut. Einige der Songs drehen sich natürlich um die Liebe, die Suche nach sich selbst, den Platz, den man zuerst finden und später dann auch richtig einnehmen möchte. Da hat man manchmal Sehnsucht nach „Teneriffa“ und drückt das mit luftig-angenehmen Melodien aus. Wenn Carlo vom Meer singt, dann geht die Sonne auf – stimmlich katapultiert er sich mit dieser Platte definitiv in die höchste Riege von deutschsprachigen Sängern.
Zur Albummitte geht es noch mehr um Gefühle: „Donaulied“ lässt uns dank des hüpfenden Klaviers über den großen Fluss schunkeln, die Gitarre wechselt sich mit Carlo ab und es entsteht ein enorm warmer Song über das Verliebtsein, wo man „das Zelt bei dir aufschlagen“ will. Das wird im anschließenden „Zitroneneis“ dann gleich fortgeführt, dem klaren Sommersong der Platte. Enorm reduziert und verträumt wird hier die Liebe im „Heroinpark im sechsten Bezirk“ geschenkt und vom letzten Geld ein Eis „für uns zwei“ gekauft. Carlo hat hier zwar schon ein bisschen Angst davor, dass diese Liebe sich gleich verwässert wie ein Eis in der brütenden Metropolenhitze, aber er scheint insgesamt den kleinen Ausflug noch zu genießen.
In „Gefühle“ kommen schließlich das Grübeln voll zum Tragen: Liebt sie mich auch, oder ist das einseitig? „Ich könnt gar nicht so viel Blumen pflücken, wie ich dir schenken mag“ kann zwar kitschig anmuten, aber in Wahrheit glaubt man der Band dieses Geständnis einfach und man findet das dann doch recht cute – vor allem wenn das Klavier zum Ende die Hauptrolle übernimmt und Carlo mit voller Inbrunst darüber singt. „Gewitter“ lässt jedoch andere Stimmungen aufziehen, der Heartbreak ist voll da. Der Track schrammt an der Grenze zur Theatralik, fühlt sich schlussendlich aber sehr voll an und ist eine echte Herzschmerz-Hymne, die allerdings von nicht sehr vielen Menschen gesanglich bewältigt werden kann.
Mit „Narzissen“ bekommt das Album einen absoluten Monstersong. „Narzissen blühen im Februar“ als emotionaler Anker und als Bild für etwas, das irgendwie noch ein bisschen zu früh kommt oder sich auch an einem Ort entfaltet, der noch nicht bereit dafür ist – genau wie das Gefühl des Protagonisten, der eigentlich „zu ihr“ will, aber feststeckt. Demgegenüber steht ein brutales Instrumental, eine fantastische Entwicklung, von klaren Gitarren hin zu einem starken Bandeinstieg, wo die Dynamik dann komplett übernimmt. Backing-Chöre wechseln sich mit einer vollständigen Reduktion ab, die nach einem kleinen Gitarren-Solo dann von den Drums rausgepeitscht wird und noch einmal zum wuchtigen Refrain übergeht – einer der besten Songs des Jahres.

Passend trägt der nächste Song den Titel „alles nicht so einfach“. Dieser Track kommt noch mal poppiger, hat eine schönen Text, angefangen vom besten Freund, der jetzt gebrochene Herzen heilt über das Mantra, dass alles wieder gut wird. Zusammen mit Lena & Linus stellen sich Cordoba78 in „Angst vor der Zukunft“ den großen Fragen ihrer Generation und wählen dafür den entspanntesten aller Wege. Die unterschiedlichen Stimmen harmonieren hervorragend miteinander, während laidback Instrumentals und Zeilen wie „Volle Herzen, leere Straßen“ dem Song eine besondere Wärme verleihen. Dieses Gefühl tragen auch „vielleicht“ und „Sommerregen“ weiter: Mal lädt der lockere Rhythmus zum Tanzen ein, mal blickt die Band sehnsüchtig auf eine Zeit zurück, in der alles noch einfacher schien. Den Schlusspunkt setzt schließlich „Heißluftballon“, der den Kreis zum Albumthema schließt. Nach all den Gesprächen, Zweifeln und Gefühlen bleibt am Ende die Erkenntnis, dass nichts für immer bleibt: „Es tut nicht mehr weh, mein Heißluftballon.“
Und so schweben sie in Richtung Fade-Out und nach 42 Minuten bleibt eine beeindruckende Wirkung von „Afterhour Kaltenbrunnen“ zurück. Cordoba78 spielen mit Energie, Humor und klaren Bildern und bündeln all diese Qualitäten auf ihrem gelungenen Debütalbum.
Schwache 8/10
Früher Sängerknabe, heute zwischen Fußball, Football und viel Musik. Im Herzen immer Punker.

