Salò – Hardcore
Label: Phat Penguin

Genre: Indie-Rock, Punk
Wenn es einen Künstler bzw. eine Band aus Österreich gibt, die weiß, wie man live alles absolut niederbrennt und niederreißt, dann ist das Salò. Dieser Sound ist nicht dazu gemacht, einfach in der Ecke zu stehen und am Bier zu nippen und maximal mit dem Kopf zu nicken, sondern hauptsächlich dafür da, alle überschüssige Energie vollkommen rauszulassen und in einem schweißgebadeten Kollektiv zu eskalieren.
Salò macht Punk im Kleid der Neuen Deutschen Welle, also baut neben straighten Powerchords gern mal einen Synthesizer ein, was eine ziemlich gute Sache ist. Das kann dann in einen Electro-Clash ausarten, der sowieso gerade sehr modern ist, aber auch darüber hinaus die Zeiten überdauern wird. Es ist Sound, der relativ leicht ins Ohr geht und zumeist von einem Refrain oder einem anderen ikonischen Songteil flankiert wird, den man spätestens beim zweiten Mal hören mitsingen kann. Deshalb funktioniert das live so gut, weil da Melodien geboten werden, die schlicht mitreißen.
Jedenfalls sind Punker ja selten von der optimistischen Sorte. Eher wird die Welt so beschrieben, wie sie ist – oasch, oasch und noch mal oasch. Und Salò macht das auf seinem dritten Album „Hardcore“ natürlich auch. Es geht um Katastrophen, Krieg, Eskapade, Doomscrolling ohne den Hauch von Gefühlen, die Gesellschaft, das Streicheln von Tauben oder die verdammten Mietpreise. Wann hört der Wahnsinn endlich auf?! Zehn Songs sind drauf, das Album dauert eine gute halbe Stunde und wenn’s losgeht, dann geht’s gleich richtig los.
Also rein in dieses „Hardcore“-Projekt. „rotten.com“ eröffnet das Album und nutzt diese morbide Seite für eine gekonnte Gesellschaftskritik: „Alles verrotet, Rottet, rotten.com“ und noch besser im Pre-Chorus: „Rot ist das Blut und weiß sind die Knochen / In einem fernen, fernen Land / Ganz allein mit meinem Handy in der Hand / Schau’ ich mir tote Leute an“. Alle abgestumpft, alle handysüchtig, alle unschockbar. Das Soundbild ist hier spannend, man kommt mit Industrial-Elementen als auch mit einer richtigen Portion Post-Punk daher. Kommt gut und der generelle Aufbau ist natürlich dafür gemacht, beim Konzert einfach richtig dumm zu gehen.
Und wenn einen doch der Weltschmerz zu sehr packen sollte, hat Salò gleich einen Rat parat: Geh in den Park, wart einfach auf den Weltuntergang, freu dich an der Vorstellung, dass alle Menschen endlich das Maul halten und streichle dabei Tauben. Bitter ist halt, dass Salò in genau diesem Moment dann auch noch die Lösung für den Nahost-Konflikt findet, aber gerade dann sein Handyakku ausgeht. Wieder nichts. Musikalisch ein Track mit großem Wiedererkennungswert, allerdings fehlt ihm ein bisschen der Ausbruch aus dem immergleichen Schema. Ein kleiner Twist oder eine noch wildere Eskalation wäre hier schon eine Sache gewesen.
In „Liebe“ verliebt man sich sehr schnell, weil die Strophen schon wahnsinnig gut geschrieben sind und die Struktur einfach passt. Außerdem – wenn endlich einmal Christoph Schlingensief erwähnt wird, dann kann man einen Song nicht nicht lieben. Salò gibt uns jedenfalls zu verstehen, dass in der Liebe auch nichts klappt; also ist wirklich überall immer noch alles oasch.
Mit „Jello Biafra“ wird dann nicht nur eine Hommage an den Dead-Kennedys-Frontmann gezollt bzw. dieser auch zitiert, sondern der völlig aus der Bahn geratene Wohnungsmarkt angeprangert. Da kommen viele Beispiele daher, von Rollstuhlfahrern, die ohne Lift auskommen müssen und vom Vermieter nur gesagt bekommen, dass sie halt einfach arbeiten gehen sollen, oder von einer Witwe mit Hund im vierten Stock. Salò macht da jetzt nicht seine eigene „Mein Block“-Version draus, sondern eine klassische Kapitalismuskritik mit österreichischem Galgenhumor. Auch hier fehlt aber ein bisschen der letzte Wumms, da wäre noch mehr drin gewesen.
Den gibt’s dafür in der titelgebenden Single „Hardcore“, da schiebt der Bass gehörig an, die Gitarren übernehmen spätestens zum Refrain. Salò hat Nasenbluten und philosophiert über die Welt und die Lebensumstände. Vielleicht wird in der Zukunft ja doch alles besser? Mit so einem Song ist die Gegenwart jedenfalls besser auszuhalten.
Es gibt eigentlich nur zwei Songs, die nicht so richtig zünden: „Halb Mensch, Halb Pferd“ holt auch nach dem zwölften Hören nicht richtig ab, da geschieht im Allgemeinen zu wenig – auch wenn das letzte Songdrittel mit der Percussion durchaus etwas kann, wirkt das insgesamt ein bisschen unrund.
„Ich Will Dein Hündchen Sein“ lebt die Punk-Attitüde vermutlich am besten und ehrlichsten aus, aber hier ist es ausgerechnet der Refrain, der ein bisschen nervtötend wird. Da wird fast ein bisschen zu viel gebellt. Aber das sind immer noch zwei solide Songs.
„2D“ ist sicherlich der radiofreundlichste Song des Albums, mit den typischen Beobachtungen von Salò – wer wissen will, wie er die Welt sieht, muss hier reinhören. Der Track überzeugt mit Synthi und Kuhglocken und findet damit für jeden einen Platz.
Und ganz ehrlich: Es muss wohl keinen besseren Moment als Musiker:in geben, als eine „Ich bin Richard Lugners Frau“-grölende Meute vor sich zu haben. Diesen Effekt haben Salò mit dem gleichnamigen Track definitiv erzielen können. Ein wunderbarer Oi!-Punker, einfach sehr straight, direkt in die Fresse, musikalisch relativ strikt, dafür textlich herrlich – vor allem die Passage, in der Salò alle Kosenamen von Mörtels Frauen aufzählt. Ein schöneres Andenken hat man dem Baumeister wohl noch nicht gegeben als durch dieses Lied.
Der Closer „Hundsjahre“ wird dann noch ein bisschen schunkliger, da darf der Synthi mehr Raum beanspruchen, ein wunderbarer Mitsing-Refrain wird etabliert und Salò fordert dazu auf, wenn man will, noch einmal das Album zu hören. Das wird man sicher machen, denn „Hardcore“ ist unterm Strich einfach ein sehr spaßiges und energiereiches Album. Mit diesem letzten Track fühlt man sich gar ein bisschen am Rummelplatz.
Für „Hardcore“ gilt eigentlich dasselbe wie für die bisherigen Alben von Salò: Hochansteckend, definitiv für die Bühne gemacht, lyrisch teilweise messerscharf, dann auch wieder mit sehr viel schwarzem Humor ausgestattet – das sind die Stärken, die auch auf dieser Platte nicht zu kurz kommen. Das Soundbild hingegen könnte an manchen Stellen noch ein bisschen mehr Spannung, Dynamik oder Abwechslungsreichtum vertragen. Das soll aber nicht die Tatsache schmälern, dass „Hardcore“ definitiv gehört werden sollte. Feiner Pop-Punk mit Synthi-Einschüben.
Schwache 7/10