Protomartyr – Hotel Usona

Die Zimmer sind halb leer, die Flure der einzige Ort, an dem man überlebt. Klingt wie aus einem dystopischen Videospiel, ist aber das Setting für Protomartyrs siebtes Album. Die Post-Punker aus Michigan nützen ein Hotel, namentlich „Hotel Usona“ als Sammelbecken für so ziemlich jede Krise, die gerade über die Welt hereinbricht: Krieg, Unterdrückung, Ungerechtigkeiten – verpackt in neun Songs, die so prächtig arrangiert sind wie kaum etwas, was die Band bisher abgeliefert hat.

Protomartyr sind sicherlich eine Gruppe, zu der man Zugang finden muss, vor allem was den Gesang von Frontman Joe Casey angeht. Sein eigenwilliger Sprechgesang, der ihm seit Karrierebeginn Vergleiche mit Nick Cave einbringt, gepaart mit seinen introvertierten Auftritten, hat die Band rasch in der Szene aufschlagen lassen. Mit ihren beiden Alben „The Agent Intellect“ und „Relatives in Descent“ Mitte der 2010er wurden sie richtig heiß, hier kam eine schöne Prise experimenteller Post-Punk zum Tragen. Zuletzt zeigten sich die vier Musiker aber ungewohnt zahm, ihr letztes Album „Formal Growth in the Desert“ brachte eine Abkehr vom so kantigen Sounds mit sich.

Das ändert sich auf der neuen Platte wieder. Zusammen mit Dave Fridmann, der schon den Flaming Lips oder MGMT zu großen Erfolgen verhalf, hat man sich für „Hotel Usona“ zusammengetan und gezeigt, dass man immer noch sehr aufwendige, teilweise virtuose, jedenfalls auch unberechenbare Musik komponieren kann. Die Gitarren bestimmen das Geschehen sehr gerne, werden aber immer wieder von Streichern oder Bläsern liebevoll verdrängt oder es zwängt sich auch noch ein Klavier in den Mittelpunkt. Ein solch üppiges Arrangement birgt für eine Band wie Protomartyr definitiv ein Risiko, weil man mit Casey über keinen klassischen Sänger verfügt. Glücklicherweise werden sie für ihren Mut belohnt, denn der Vortrag des Sängers auf dieser Platte ist durch die Bank beeindruckend und bestätigt den Trend, den man über die letzten Jahre mitverfolgen konnte: Casey arbeitet ständig an sich und kann mittlerweile eine variantenreiche Performance liefern.

Seine größte Stärke liegt aber immer schon in den Texten und das gilt auch für „Hotel Usona“: Er hat die Fähigkeit, gesellschaftliche Probleme, Herausforderungen oder Beobachtungen zu beschreiben, ohne sie zu benennen. So wird diese Platte zu einem sehr politischen Konzeptalbum, das sich unter anderem mit KI, Krieg, Gewalt, Patriotismus und Ungerechtigkeiten beschäftigt. Man kann ihm folgen, egal ob er flüstert oder aus sich rausgeht.

Und das tut die Band von Beginn an: Der Opener „The Old Hotel“ bringt uns eine Einführung in den Ort des Geschehens. Zu melancholischen und an anderer Stelle auch kräftigen Bläsern sowie wuchtigen Drums zeichnet Casey das Bild eines Hotels im Verfall. Ein bedrückender und atmosphärisch dichter Einstieg, der sofort klarmacht, dass man sich hier nicht auf einen gemütlichen Aufenthalt einstellen sollte. Die Dynamiken dieses Songs ziehen sich nahtlos in die Leadsingle „Sounds We Cannot Hear“ weiter. Hier regiert das gewollte Chaos, die Verzerrung und vermutlich auch Erschöpfung, die man textlich ebenso finden kann. Irgendwann ist es einfach genug mit den ganzen Horrormeldungen, mit den Kriegen, mit den Ungerechtigkeiten. In einem Reddit-AMA hat Casey bestätigt, dass sich die Eröffnungszeile „Another eighty-one dead since dawn“ auf die Zahl der Menschen bezieht, die am Aufnahmetag in Palästina getötet wurden. Wie gewieft die Gruppe hier mit ruhigen und aggressiven Passagen spielt, ist höchste Güte, man merkt in den ersten Songs nie Längen, obwohl man jedes Lied mindestens über vier Minuten zieht. 

Für „Converts“ gilt dasselbe, Melancholie und Elegie werden auf unterschiedliche Arten erzeugt, sei es durch einen reduzierten Gitarren-Part oder eine triumphale Trompete. Dieser Song übt sich in einer bewussten Zartheit, nimmt sich praktisch selbst die zweite Strophe, die von Casey nur sehr zurückhaltend und fast unscheinbar vorgetragen wird. Aber das stört nicht, das Instrumental trägt, was es tragen muss.

Die Ideen sind ihnen jedenfalls nicht ausgegangen: „Exalted Eagles“ bringt eine bitterböse Satire auf die aktuelle politische Landschaft in den USA mit, verpackt als zynische Hotel-Bewertung, die Mitschuld und autoritäre Grundsätze im nüchternen Businesston herunterspielt. Vertont wird das durch einen ständig wachsenden Rhythmus und eine allgemeine Progression. Chöre setzen ein, es wird immer düsterer, militärischer, bis eine kultartig repetitive Zustimmungsformel (He approves us/ He approves our undertakings) den Song nahtlos in „The Knife Dream“ übergehen lässt. 

Sechs aufregende Minuten folgen, Streicher, Bläser, Gitarren, Klavier – jeder bekommt seine Zeit, miteinander entstehen große Gebilde und eine treffende Dringlichkeit, wenn Casey „It’s waiting in the walls“ singt. Dafür wird „Feed The Sewer“ im Anschluss zum Ausreißer: Hier wollen Protomartyr die Sau rauslassen, so richtig hart klingen, was sehr befremdlich wirkt. Dieser Industrial-Ansatz kann natürlich als Stilmittel der Erzählung dienen und wird durch eine rhythmisch anspruchsvolle und völlig gegensätzliche Instrumentierung der Bridge erfolgreich kontrastiert – schlussendlich zieht sich das Lied aber trotzdem ein wenig. 

Und das ist ein Phänomen, das sich im letzten Albumdrittel leider öfter wiederholt. „Lavender – Gospel“ hat einen der einprägsamsten Texte der Platte, verknüpft moderne Kriegsführung mit künstlicher Intelligenz zu einem beklemmenden Bild: eine Maschine, die ohne Grund denkt, für die Angst allein schon reicht, um zum Ziel zu werden. Das Lied ist mit 4:11 Minuten bei Weitem nicht das Längste von „Hotel Usona“ trotzdem ist die generelle Komposition so schwer, dass man an einigen Stellen ziehen und schieben will, um einen kleinen Schritt weiterzukommen. 

Dafür bringt „Third Country“ wieder mehr Raffinesse, es wird Barock-rockiger, der in einem überwältigenden Finale gipfelt – dicht und düster zu gleichen Teilen. Der Closer „Checking Out“ ist dafür ein Experiment, das sich nicht lohnt: Knapp acht Minuten, die den fulminanten Start des Albums nicht einlösen können. Kaum Dynamik, kaum Überraschungen, kaum ein Segment, das dem Song eine Berechtigung für diese Ausuferung gibt. Natürlich ist das Lied handwerklich nicht schlecht, strukturell aber der mit Abstand schwächste Moment. 

Ansonsten ist „Hotel Usona“ ein spannendes Projekt mit vielen großartigen Songs, Passagen und Texten. Hätte man die Dringlichkeit und Größe der ersten zwei Albumdrittel auch bis ans Ende transportieren können, wäre diese Platte schon jetzt der Frontrunner für das Rock-Album des Jahres. So darf man es zwar immer noch in den Favoritenkreis zählen, muss aber auch gewisse Abzüge vornehmen. 

Schwache 8/10 

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