Endless Wellness – Domino Days

Label: Buback Tonträger

Genre: Indie-Rock

Dominosteine haben die unangenehme Eigenschaft, dass man ihnen beim Fallen nur zusehen kann. Endless Wellness nennen ihr zweites Album „Domino Days“ und lassen darauf Katzen, Waschbären, Züge und Menschen auftreten, die Zeit sparen, digital fasten und ihre Routinen pflegen, während alle ahnen, dass irgendetwas ins Kippen kommt. Die harten Zeiten gehen auch an Endless Wellness nicht spurlos vorbei.

Zwei Jahre nach dem Debüt „Was für ein Glück“ meldet sich das Wiener Quartett mit Salzburger Wurzeln zurück, dieses Mal deutlich lauter, aber immer noch mit dieser herrlichen Begabung, Alltagssituationen so skurril treffend zu beschreiben, dass man sich gerne nur für einen Tag in Sänger Philipp Auer hineinversetzen möchte. Diese scheinbar unendlichen Gedanken(sprünge) unter einen Hut zu bekommen und dann auch noch in mitreißende Lieder umzuwandeln, ist eine besondere Gabe und vermutlich auch das Alleinstellungsmerkmal der Band. Erneut hat man sich mit Jakob Herber zusammengetan (der unter anderem CULK und Bilderbuch produziert hat) und eine Platte gemacht, die nach außen sehr humorvoll, bei näherer Betrachtung aber auch sehr ernst ausfällt. Wie schon auf ihrem Erstlingswerk verarbeiten sie schwere Themen mit Wortwitz und Charme, ohne auch nur einen Funken Belehrung bieten zu wollen. Endless Wellness beschreiben den Zeitgeist und wollen trotzdem keine Hoffnung verlieren.

© Luca Celine

Im Hintergrund hat sich in den letzten Jahren auch einiges getan: Mittlerweile steht man beim Hamburger Label Buback Tonträger unter Vertrag und im Oktober 2025 gab die Band den Ausstieg von Hjörtur Hjörleifsson bekannt. Dafür sitzt jetzt Patrick „Pata“ Huter fest am Schlagzeug und ist ein wichtiger Teil davon, den noch kräftigeren, lauteren Sound zu transportieren. „Was für ein Glück“ war mitunter schon rockig, gab sich aber noch zu einem größeren Teil der Melancholie und einigen Indie-Pop-Mustern hin. „Domino Days“ behält sich das Recht vor, nostalgisch zu sein, aber auch die Gitarren ordentlich aufzudrehen. Außerdem tritt Bassistin Milena Klien bei zwei Liedern als Sängerin ins Zentrum.

Thematisch bleibt die Band ihrer Linie treu: Aufbruch und Verletzlichkeit treffen auf Angst und Kontrolle, dazwischen treten Tiere auf, werden alte Muster abgelegt und schlussendlich eine bessere Welt erdacht – Hoffnung und Zuversicht mögen zwar nicht auf den ersten Blick ersichtlich sein, ziehen sich aber durch die Platte. Der Opener „Nur das Beste“ hat dafür schon den passenden Titel. Ohne langes Geplänkel steigen Endless Wellness mit akustischen Gitarrenakkorden ein: „Das meiste beginnt mit einem Knall“ als Ausgangspunkt für unterschiedliche Alltagsrituale vom Zähneputzen bis zum Dehnen auf der Matte, dazu eine Wunde, die einen in die Beine zieht wie Hunde an der Leine. „Das Gestrige ist das Letzte, das wir wollen / Das Jetzige ist das Verletzlichste“ – so endet der Refrain, der außerdem festhält, dass niemand sagen darf, was man soll. Dazwischen checkt der Song locker ein: „Hey na wie ist die Lage / Gute Frage, nächste Frage“. Ein schönes synthlastiges, post-punkiges Eröffnungsstück.

Im folgenden „Züge“ wird trotzdem noch einmal nach hinten geblickt. Philipp singt über Kindheitstage wie nur er es kann, allein für die Zeile „In feuchten Händen hielt ich mein Zeugnis, das Protokoll der Versäumnis“ gebührt ihm ein Orden. Manche Dinge haben sich über das Leben etabliert, so richtig ausbrechen kann man da dann einfach nicht und wenn man einen Zug abfahren sieht, wünscht man sich mal gerne in ihn hinein, um zu fliehen. Und wenn gar nichts mehr hilft, schaut man unter der Decke aufs Handy. Hier wird die Dynamik hochgeschrieben, zwischen fast vollständiger Reduktion und kurzer Explosion liegen oft nur wenige Sekunden.

Gediegen führt hingegen Milena durch „Platanen“, eines der beiden Lieder, die von ihr gesungen werden. Sie legt die Jugend „hinter Plexiglas“ und bemerkt: „das Internet hat keinen Arm, der mich halten kann / In meiner Festung aus Plastik und Papier“. Zum Ende will man „die Festung feiern, wenn sie fällt“. Das Lied kommt klar über den Text, das Instrumental bleibt in reiner Unterstützerrolle. Ungefähr ähnlich, wenn nicht noch eine Spur ruhiger, zeigt sich der titelgebende Track – hier nimmt das Album auch kurz zu viel Schwung heraus. In knapp drei Minuten scheint man aus der Zukunft zurückzublicken: Die Menschen haben „Flammen der Titanen“ gebaut, die ihnen den Nachthimmel nicht raubten, fühlen sich von den „Geistern, die wir schufen“ gerufen und stehen unter einer schwarzen Kuppel, die wie noch nie von Licht durchlöchert ist. Auf die Frage, ob das das Ende der „Domino Days“ ist, gibt es nur ein mehrfaches „okay“, als stünde man ohne Worte da. Dann fällt halt der nächste Stein auch noch um – wenn die Welle im Rollen ist, kann man sie nur schwer stoppen.

Die Leadsingle „Nie mehr sicher“ ist ein treibender, dynamischer Track, der sich mal dichter und härter, dann wieder intimer und sanfter zeigt. Die E-Gitarre bekommt viel Raum, die Drums sind richtig schön tight, die Bassline kommt gut durch und Philipps Gesang samt akustischer Gitarre ist der Kompass, der durch den Track führt: Egal wie viel instrumental passiert, sobald er wieder zu singen beginnt, kehrt man zu einer gewissen Gediegenheit zurück. Trotzdem steht nie irgendeine Sequenz still, es geht immer nach vorne. Besonders spannend ist, dass der Refrain nur im Hintergrund von Milena und Adele gesungen wird, wie eine Stimme, die hinter Philipp sitzt und ihn daran erinnert, dass man nie mehr sicher sein kann. Ziemlich bedrohlich und eigentlich uncool, aber musikalisch sehr spannend umgesetzt. Die Angst vor dem Kontrollverlust, aber auch das Unbehagen in seiner eigenen Haut werden durch eine vermutlich bald schon wieder ikonische Line ausgedrückt: „Aber wie fest musst du noch beißen, um aus deiner Haut zu kommen“. Man will hier einfach irgendwie der Angst entkommen oder vor sich selbst fliehen, weil man sich nicht ausstehen kann – oder aber Sorge hat, die Identität zu verlieren.

Milena hingegen haut in „Kontrolle ist Messer“ einfach alles raus, was sie hat. Hier geht’s zwischenzeitlich richtig punkig zu: Während Milena im Gesang anfangs noch recht klar bleibt, steigert sie sich zum Ende in eine aufrichtige Schrei-Passage, die in einer schön vollen Phrasierung gipfelt. Textlich kreist der Song um Kontrollzwang und Erwartungshaltung, sie fragt sich, ob der Herd noch an ist, probt den Tag am Abend vorher einmal durch und hat in ihrer „sehr fragilen Herzwand“ einen Siebenschläfer wohnen, der nach 22 Uhr „so frech“ von innen bohrt. Das Sprichwort dreht sich dabei um: „Vertrauen ist gut / Kontrolle ist Messer“. Einer der härtesten Endless-Wellness-Songs bisher.

Siebenschläfer und Waschbären sind einem zu diesem Zeitpunkt schon begegnet, jetzt kommt auch noch „Die Katze“ dazu. Auch hier gehen sie es experimenteller an und entwickeln einen Rocksong, der sich in der Mitte ein komplettes Break mit Klaviergeplänkel gönnt (über das die Katze schwingt), nur um dann noch einmal neu durchzustarten. Möglicherweise steht die Katze, die Philipp hier durchaus als unheimlich besingt, für etwas Größeres, für Nähe oder Besitz – jedenfalls endet das Lied mit „Hier ist das Thermostat / Hier ist meine Monstera, hier ist mein Wohlstand / Fang“.

„Jeder Fluss“ dient als Intro für „Wer hätte das gedacht“, das Philipps beste Gesangsleistung zeigt. Das Lied ist enorm roh aufgenommen, die akustische Gitarre treibt an, ist schlussendlich aber nur Begleitung für die mutigen Vocals: Philipp reizt seine stimmlichen Grenzen aus und meistert sie mit voller Inbrunst. Textlich bleibt die Zusage hängen: „Manches wird dich lieben / Oft wirst du verlieren.“

Zu den Menschen vom Anfang dieser Review kehrt das Album kurz vor Schluss noch einmal zurück: Sie sparen Zeit, fasten digital, achten auf den Zucker in den Nudeln und fragen sich öfter, was sie bräuchten, „um zu brennen, um zu leuchten“, während sie ihre Geliebten googeln und im warmen Bett vom Sterben auf der Autobahn träumen. Aus dem Zähneputzen und Dehnen auf der Matte des Openers ist ein ganzer Lebensstil geworden. Ob Philipp das mit Spott oder mit Mitgefühl beobachtet, lässt „Happy and you know it“ offen, man kann aber schon eine sarkastische Note mitschwingen hören. Musikalisch der längste Track mit knapp fünfeinhalb Minuten, baut man hier sukzessive ein Post-Rock-Brett auf, das gegen Ende eine trancartige Dichte vorweist.

Wo dort noch ein „Sie“ steht, antwortet schlussendlich aber ein „Wir“: Der Schlusspunkt „So allein sollen wir nie wieder sein“ entwirft eine Welt, in der geteilt wird, was man erbt, Essen nichts kostet, Leistung sich nicht mehr lohnt und niemand mehr „fürs Existieren mit seiner Existenz bezahlen“ muss. Das Internet, das „keinen Arm hat, der mich halten kann“, bekommt hier seine Gegenrede: Man will sich umschlingen und lauter schreien als das Rattern der Serverräume, ehe es sanfter wird als das Flattern der Fledermäuse. Man antwortet also auf das Verletzliche, mit dem alles begonnen hat, und bringt dafür noch einmal eine der eingängigsten Melodien mit, der man einen kleinen Hymnen-Charakter attestieren kann.

Endless Wellness leben zwar ganz offensichtlich in der gleichen Welt wie wir alle, trotzdem lernt man dank „Domino Days“ unsere Gesellschaft und das Umfeld aus einer ganz anderen Perspektive kennen. Der typische Österreicher würde sagen, dass „eh alles oasch“ ist, diese Gruppe hingegen lässt die Gegenwart zwar als das erscheinen, was sie ist, versprüht aber Hoffnung und hilft bei der Flucht in eine bessere Utopie. Eine solche mag zwar nie vollständig zu erreichen sein, dafür bleibt uns hier und jetzt aber zumindest ein sehr gutes Album.

Starke 8/10

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