Fontaines D.C. – Dopamine Chamber
Label: XL

Genre: Darkwave, Indie-Rock
Fontaines D.C., diese Kritiker-Lieblinge, haben mit ihrem vorigen Album „Romance“ den kommerziellen Durchbruch geschafft und damit auch ein deutlich breiteres Publikum erreicht. Die irische Band rund um Sänger Grian Chatten ist eines der größten Aushängeschilder des modernen Post-Punk und zusammen mit Turnstile und Geese vermutlich eine der wichtigsten Bands, um Rock-Musik im Allgemeinen 2026 nicht ganz sterben zu lassen. So zumindest eine gängige These.
Bisher schlug das Quintett sehr geradlinig auf, huldigte den Gitarren, streute dazu noch ein paar Rock-Balladen im atmosphärischen Sinn ein und war sich auch nicht zu schade, etwaige Fesseln völlig zu lösen, um sich in ihrer Musik vollständig auszudrücken. Das fantastische „Starburster“, eine Vertonung einer Panikattacke, machte das auf die beste Art deutlich. Psychische Gesundheit war also schon am Vorgängeralbum ein Thema und ist wenig überraschend auch eine Triebfeder von „Dopamine Chamber“ – das verrät der Titel schon. Bisher neigte die Gruppe gern dazu, sich in ihrer eigenen Trance zu verlieren und so einiges an Durchschlagskraft einzubüßen.
Das neue Album „Dopamine Chamber“ wählt daher von vornherein schon einen anderen Weg: Synthesizer werden ab sofort noch prominenter in das Soundbild integriert, es darf elektronischer zugehen. Hört man das Album, wird man immer wieder an New Order, Duran Duran, Joy Division, manchmal auch The Smiths erinnert – Gruppen, mit denen man Fontaines D.C. schon länger in Verbindung brachte, wobei das Album auch einige neue Parallelen entstehen lässt. Und obwohl man meinen könnte, dass „Dopamine Chamber“ deshalb irgendwie optimistischere Töne versprühen würde, ist das Gegenteil der Fall: Dieses Album gibt sich voll und ganz Untergangsszenarien hin, man wartet quasi zu jeder Sekunde auf die drohende Katastrophe, die schon um die nächste Ecke liegen könnte. Die Synthis sind dabei das Mittel zum Zweck, um eine kühle, distanzierte Stimmung zu erzeugen.
Der Opener „Six Shot Morning“ ist poppig und trotzdem lässt er einen nicht richtig an sich ran, dafür rumort es im Hintergrund viel zu viel – bis die Drums einsetzen und die Verzerrung plötzlich doch mehr Wärme hineinbringt. Wenn dann der Synthi eine kleine Melodie spielen darf, scheint gar kurz ein Sonnenstrahl durch das Soundgewitter zu ziehen. Was auch durch Chattens Mix aus stoischem Sprechgesang und kurzen Gesangspassagen verstärkt wird. Es fällt nicht schwer, dieser Dröhnung zu folgen, die Dynamik holt schnell ab. „Melancholy hearts in emotion filming, Melancholy hearts in a motion film“, heißt es am Ende dieses fünfminütigen Tracks und man spürt die Richtung, in die die Gruppe ziehen möchte.
Der Beginn der Platte bleibt diesem Synthpop-Rock treu: „Marianne“ könnte noch ein Überbleibsel von „Romance“ gewesen sein. Der Refrain „Cinematic feeling / Understand this is your life / You could go on dreaming / You can go under the knife / Marianne“ vollbringt das Kunststück, sowohl melodisch als auch im Staccato vorgetragen zu werden. Es liegt also im Abgehackten der Melodiebogen, während im Hintergrund ein verträumter Synthesizer die Stimmung definiert. „Mimesis“ bringt im Anschluss noch mehr Drive mit, ist klar im New Wave zu verorten und sicherlich einer der zugänglichsten Songs der Platte. Die Drums und der Bass peitschen den Song nach vorne, die Synthis variieren zwischen Zurückhaltung und prominenterem Einsatz und bekommen von der Gitarre Unterstützung. Chatten singt darüber, wie die Depression allgegenwärtig scheint und alle im selben Trott feststecken. Zudem scheint er eine weite Strecke zu fahren, um jemandem beizustehen, der ihn gar nicht will – bis er am Ende ein müdes Entweder-oder stellt: „If you’re a star, shine on me / If you’re not, let me be“. Wie gesagt, viel Zuversicht gibt es auf dieser Platte nicht zu finden. Spannend sind dafür die vielen Filmbilder, die sich durch die ersten Songs ziehen: „motion film“ in „Six Shot Morning“, „Cinematic feeling“ in „Marianne“ und „final frame“ in „Mimesis“.
Mit „Happy For You“ wechselt die Platte zum ersten Mal die Gangart: Die Synthesizer werden leicht zur Seite gestellt und wieder durch krachende Gitarren ersetzt. Post-Punk ist also wieder angesagt und Chatten singt von einem Beziehungsende, das er mit klarem Sarkasmus kommentiert: Er kommt mit Blumen vorbei, zerkratzt beim Gehen das Auto und stiehlt die Perlen der anderen Person, beteuert, er sei „just happy for you“ und wünscht sich in der Bridge, die andere Person hätte einfach gesagt, was los ist, statt wegzulaufen. Das kommt erfrischend daher: generell gelungene Progression und ordentlicher Lärm am Ende. „Demolition“ wird zu einer Mischung aus Turnstile und den Smiths, vielleicht auch ein wenig The Cure, zieht zunächst stark an, verliert aber nach und nach Punch und wiederholt den Hauptteil etwas zu oft, fast so, als wären ihnen hier die Ideen ausgegangen, was auch das abrupte Ende erklären würde.
Mit „Tongue“ vertont Chatten auf diesem Album seine Erfahrung mit ADHS und seiner Medikation. Man kann sich also vorstellen, dass dieses Lied durchaus facettenreich ausfällt. Rock-Elemente treffen auf einen starken Groove, eine fast schon gejamte Bridge und sehr schnellen Gesang. Streicher dürfen auch noch mitmachen, nur um dann wieder breiten Riffs zu weichen. Definitiv einer der interessantesten Songs des neuen Albums. Dafür bauscht sich „One Man“ als Ballade auf, geht es sehr zaghaft an und bekommt glücklicherweise ein bisschen mehr Schwung im Mittelteil. Dennoch ist hier sehr vieles einfach sehr langgezogen und auf eine Dauer von knapp fünf Minuten kann man die Spannung nicht ganz halten.
Im Vorfeld ließ die Band durch eine Feature-Ankündigung mit Rosalía aufhorchen und man kann getrost sagen, dass „Where Is Gone?“ das Highlight der Platte darstellt. Eine reduzierte Ballade, die von der Chemie zwischen Chatten und Rosalía, ihren unterschiedlichen Stimmfarben, lebt. Das ist enorm konträr und kann eine echte Dramatik transportieren: „I remember when / They held me up against the Summertime / The tears would fall / Baby if you try / There’s no harm in saying / Leave it, let it die“. Mit den akzentuierten Gitarren und Streichern liegt man hier irgendwo zwischen Bond-Song und Spaghetti-Western, durch die angenehmen Stimmhöhen wird man das Lied auch sehr leicht mitsingen können. Rosalía bringt ihre stimmliche Brillanz erst gegen Ende in den Backing-Vocals zur Geltung, was dem Track sehr guttut. Insgesamt also ein mächtiges Feature.
Teilweise könnte man aber wirklich meinen, Morrissey stünde vor dem Mikrofon: „You Miss Me“, diese Synth-Streicher-Ballade mit kleinen Erlösungselementen im Refrain, klingt wie ein Smiths-Song mit mehr Nachdruck. Ein schönes Arrangement, düster in der Strophe, ganz leicht wolkig-nostalgisch im Hauptteil. Hier kommt man in die stärkste Album-Phase, denn das anschließende „Japan“ kann diesen Drive mitnehmen. Ein klarer Indie-Pop-Song und wie schon „Mimesis“ ein Stück, das man leicht im Ohr behält. Ohne diesen Song würde „Dopamine Chamber“ wie eine dunkle Gruft aufschlagen, hier sieht man aber einen satten Lichtstrahl durch ein Opaion scheinen.
Der Closer „Intimate“ kann dagegen nicht mehr ganz mithalten. Repetitive Passagen von vorne bis hinten, kaum spannende Facetten, dafür diese fast zermürbenden „Dying and dying and dead“-Wiederholungen. Hier passiert fast nichts, eine ziemliche Enttäuschung – vor allem als direkte Antwort auf das schöne „Japan“.
Das hinterlässt einen faden Beigeschmack, weil die gesamte Geschichte, die sich durch das Album zieht – diese vielen Bilder von Beziehungsenden, Klassenkampf und innerer Zerrissenheit – einfach abrupt im Tod endet. Das kann natürlich ein Bild sein und auch tatsächlich so geschehen, wird aber dem Konzept nicht gerecht. Man kann dafür aber aufrichtigen Mut attestieren: Immer wieder geht man ins Risiko und zeigt neue Seiten von sich. Die Produktion ist vielfältig, das auf alten Alben wiederkehrende Dahinplätschern verschwindet hier fast zur Gänze. Manche Ideen wirken zwar nicht ganz ausgereift, andere hingegen umso detaillierter. Das Feature mit Rosalía ist der Höhepunkt und wird einen immer wieder zu dieser Platte zurückkehren lassen.
Starke 7/10