Spiral Drive & Lord Fascinator – Reise

Label: StoneFree Records / Midnight Rainbow

Genre: Krautrock, Neo-Psychedelia

Der gerade, stoische Beat, den Neu!, Can und Kraftwerk in den frühen Siebzigern zum Prinzip erhoben haben, kennt kein Ziel, nur Strecke – Kraftwerk ist bekanntlich auf der „Autobahn“ gefahren. Raphaël Neikes (Kopf hinter Spiral Drive) und Johnny Mackay alias Lord Fascinator bauen mit „Reise“ ebenfalls ein Album über Fortbewegung und nehmen den Krautrock beim Wort: Sie schicken ihn durch fünf Verkehrsmittel und landen schlussendlich gar im Orbit.

Entstanden ist das Ganze in fünf Tagen in Mannheim, der Stadt, die als Geburtsort des Automobils gilt und lange Zeit die Homebase von Neikes war: Der gebürtige Tiroler studierte an der Popakademie Baden-Württemberg und eroberte mit seiner Band Spiral Drive internationale Bühnen. Ihr letztes Album „Visions in Bloom“ zeigte noch eine ordentlich harte Alternative-Rock-Seite und beinhaltete schon den ersten Gastauftritt von Lord Fascinator, der Ende der 2000er mit Children Collide in seiner australischen Heimat für Furore sorgte. Am Schlagzeug sitzt größtenteils Loren Humphrey, der unter anderem schon für Tame Impala getrommelt hat, dazu gibt es einen Gastauftritt von Jan Fride Wolbrandt, Gründungsmitglied der Krautrock-Legenden Kraan. Damit geht es auf „Reise“.

Fünf Stücke, fünf Kapitel: „Auto“, „Rad“, „Zug“, „Flug“ und „Raum“, zusammen gut 33 Minuten. Gedacht war ein Soundtrack fürs Autofahren, für einen echten Roadtrip-Sound. Erschienen ist er in Etappen, seit Juni kam jedes Kapitel als Single samt Video heraus, bis zum Finale „Raum“ am 16. Oktober, dem Tag, an dem „Reise“ auch auf den Streamingplattformen erschien. Erst jetzt lässt sich die Strecke dort so hören, wie sie gedacht war, in einem Zug.

Und das ist eine aufregende Fahrt: „Auto“ eröffnet mit acht Minuten als längste Nummer, baut sich langsam von einem kurzen Klavier- und Gitarren-Intro zu etwas Antreibendem auf: Das Klavier krallt sich die ersten Momente, ehe ein paar elektronische Schnipsel langsam einsetzen. Bass, Synthi und Stimme – natürlich auch verzerrt – kommen nach und nach dazu, wobei die Vocals recht spärlich ausfallen. „Reise“ ist eine Platte, die von der Atmosphäre lebt und keinen Anspruch auf große Gesangsmelodien erhebt. Sie dienen zur Orientierung, wenn’s mal zu brisant wird, drängen sich aber nur selten richtig ins Zentrum. „Auto“ setzt sich jedenfalls nach gut vier Minuten so richtig in Bewegung: Zuvor lässt der Song durch unterschiedliche Effekte den Motor noch mal heulen, bevor durch die Drums die Zündung betätigt wird. Dann setzt man sich in Bewegung und bietet einen schönen Puls, der von Schlagzeug und Bass definiert wird. Die Gitarre und der Synthi verzerren derweil in alle Richtungen, dürfen mal mehr Raum einnehmen und das Auto so richtig zum Schweben bringen, ehe es von den Drums wieder auf die Straße zurückgeholt wird. Zum Ende kommt noch ein sehr warmes Keyboard dazu. Spätestens da ist klar: Dieses Lied klingt nicht nach Stau auf der Autobahn, sondern vermittelt vielmehr das Freiheitsgefühl der berühmten Route 66. Mit dem Auto kommt die Platte schon mal sehr gut zurecht – wie klappt es mit dem „Rad“? 

Wenn es nach Spiral Drive und Lord Fascinator geht, wird noch selbst in die Pedale getreten, den Sprung auf das mittlerweile beliebte E-Bike gibt es nicht. Zumindest lässt der Sound diesen Schluss zu: Es wird hektischer, psychedelischer, noch antreibender. Die Synth- und Klavierthemen lassen förmlich sehen, wie sich die Radfahrer:innen über einen steilen Hügel hinauftreiben und mit letzter Kraft oben ankommen. Die Vocals werden mit Claps untermalt und erinnern gar an „Barbar’ Ann“ der Beach Boys, nur heißt es hier „Fahr Fahr Fahr Far Away“. Eine kleine kanonartige Passage, die von einer Radklingel vertrieben wird und den gesamten Song in sich zusammenfallen lässt. Da war die Energie eben doch auf Nulllevel. Glücklich geht es vom Rad in den „Zug“.

Hier wird der Groove groß geschrieben: Es rattert gleichmäßig über die Schienen, breite Synths dienen als Grundfläche, die von Bass und Schlagzeug unterstützt wird. Elektronische Akzente, aber auch das ein oder andere akustische Saiteninstrument verdichten das Konstrukt – bis plötzlich aufgelöst wird. Die Dynamik wird merklich reduziert, das Tempo rausgenommen und der kurze vokale Teil „Ich reise auf Gleisen“ integriert. Ein Sitar-Solo lässt den „Zug“ dann wieder Fahrt aufnehmen. So gerät die Reise in eine ihrer psychedelischsten Passagen. Der Zug scheint aber schon mehr in Richtung Flughafen zu schielen, die Atmosphäre gegen Ende wird durch den verspielten Synthi und das analoge Klavier noch einmal deutlich luftiger angelegt.

Also schnell zum Gate und ab geht’s zum „Flug“: Die zuvor etablierte Stimmung wird hier relativ rasch fortgeführt und die Platte pendelt jetzt offen zwischen Dream Pop und Krautrock. Der Bass bleibt beinahe durchgehend in Bewegung, hat aber vor allem nach zweieinhalb Minuten eine sehr tragende Rolle und darf mit einer sanften Melodie einen wesentlichen Teil des Songs definieren. Ansonsten ist zu spüren, wie sich der Flieger zwischen den Wolken bewegt, wie er mit feinen Mellotron-Akzenten schwebt. Durch ein Break und dramatische Synthesizer kommt der Song diesem Schwebe-Effekt noch eine Spur näher. Landen will hier niemand mehr, stattdessen soll noch mehr erkundet werden – weg vom Planeten und allem Irdischen, Richtung Weltall.

So endet die Reise im „Raum“. Die Platte landet im Kosmos, hat keinerlei vorgegebene Strecke vor sich und scheint sich nur noch auf sehr breiten Soundflächen bewegen zu wollen. Der Closer hat sicherlich auch den interessantesten Gesangspart zu bieten, nimmt er sich doch zu Beginn ein ordentliches Stück der Melodie. Wenn der Bass aber wieder einsetzt, scheint der Song wieder einen fixen Kurs zu verfolgen. Hier dürfen die Synths noch einmal aufspielen, ehe das Album langsam aber sicher in einer letzten Verzerrung endet. Ob das Album wieder auf der Erde gelandet ist oder immer noch durch die Weiten des Alls schwirrt, lässt sich nicht so richtig deuten. Macht aber auch nichts, weil diese „Reise“ ohnehin mehr als einmal angetreten werden will.

Als Konzeptalbum funktioniert „Reise“ hervorragend, gerade weil der stoische Beat kein Ziel kennt: Einzelne Höhepunkte sind kaum gegeben, dafür ist die Platte in sich enorm stimmig und lebt von fließenden Übergängen wie der Radklingel, die „Rad“ in sich zusammenfallen lässt, dem Sitar-Solo, das den „Zug“ wieder anschiebt, oder dem Mellotron, das den „Flug“ in der Schwebe hält. Diese Stärke ist zugleich die Grenze: Solche psychedelisch angehauchten Alben balancieren gerne am schmalen Grat zu Überlänge oder ausufernder Trance – „Reise“ gelingt dieser Spagat aber in fast allen Momenten. Ein paar Längen tun sich hie und da auf, werden aber in der Regel von antreibenden Sequenzen abgelöst. Als Soundtrack zu Straße, Schiene und Himmel funktioniert die Platte so, wie sie gedacht ist.

Solide 8/10

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