Freude – Unter Druck und zwischen Welten
Label: Freude

Genre: Deutschpop/Rock
Manche Albumtitel fallen abstrakt aus, andere treffen dafür ziemlich genau den Zeitgeist und definieren gleichzeitig das dazugehörige Werk: „Unter Druck und zwischen Welten“ fällt sicherlich in die zweite Kategorie. Die Wiener Indie-Band Freude pendelt auf ihrem zweiten Album zwischen persönlichen Tragödien und dem Klarkommen mit globalen Krisen. Klingt also nach ganz normaler Alltagsbewältigung von Millennials und Gen Z. Von tatsächlicher Freude spürt man bei den zwölf Tracks nicht unbedingt viel.
Nach dem Konzeptdebüt „Salz“ aus dem Jahr 2023 hat sich die Gruppe um Frontman und Sänger Clemens Neumeister für das zweite Album mehr inhaltlichen Spielraum gegeben und sich nicht in ein Korsett zwängen lassen wollen. Neben Neumeister sind Nina Schwarzott, besser bekannt als Filiah, und Johannes Riegelsperger fester Bestandteil der Gruppe, die sich in gut 35 Minuten in Sachen Indie-Pop und Rock ordentlich austobt. Charakteristisch für die Band ist Neumeisters Stimme, die sämtliche Songs trägt und in unterschiedlichen Registern überzeugt. Es scheint so, als gäbe es keine Höhen oder Tiefen, die ihn besonders herausfordern, er kann mit seiner Stimme umgehen und einen permanent vollen, auch emotionalen Vortrag bieten. Singen kann er also.
Emotionen sind das prägendste Stichwort dieser Platte. In den besten Momenten sorgen sie dafür, dass manche Songs außerordentlich ansteckend ausfallen und man sehr guten Deutschpop erleben darf – gleichzeitig können sie auch das Gegenteil hervorrufen und gerade die Balladen mit enormem Pathos aufladen. Neumeister hält nicht zurück, weder in seinen Texten noch in seinen Melodien. Wenn er etwas fühlt, soll es die Welt auch mitbekommen. Die Lostness ist allgegenwärtig, wenngleich sie nicht immer extra adressiert wird. Vielmehr liegt sie im Hintergrund, ist die Ausgangsbasis, um sich ihr manchmal mehr hinzugeben, an anderer Stelle doch wieder mit schonungsloser Hoffnung entgegenzutreten oder sich auch mal in ihr fallenzulassen. Genau in der Mitte der Platte steht das gesprochene Zwischenstück „Zwischenwelten“, welches das Programm des Albums zusammenfasst: Ein ruhiges „Wir“ beschreibt Menschen, die frei sein wollen und sich doch in eigenen Erwartungen einsperren, Nähe suchen und dann auch gern vor ihr davonlaufen. Echtheit wird gepredigt, aber nur Vorzeigbares präsentiert. Man spürt eine Erschöpfung vom ständigen Vergleichen und Verbessern, behält aber dennoch ein gewisses Maß an Zuversicht.
Mit „Unter Druck“ startet man schwungvoll in die Platte und positioniert auch gleich eines der Schlüsselthemen: die Suche nach Geborgenheit, nach einem echten Zuhause. Neumeister schreibt gerne für ein Kollektiv. So richtet sich auch der große Refrain nicht an ein einzelnes Gegenüber, sondern an alle, die unter Druck stehen: Man ist damit nicht allein, am Ende wartet sogar ein Willkommen. Das Bild vom Perlmutt und vom Diamanten, der erst unter Druck entsteht, ist dabei weniger Selbstoptimierung als Trost. Eben, Hoffnung, wenn man schon verloren scheint. Das Zuhause dieser Platte ist damit keine Adresse und kein Land, sondern vielmehr der Zwischenraum selbst, den man mit allen teilt, die sich darin wiederfinden wollen. Musikalisch setzt man auf eine permanente Steigerung, die in einem massiven Refrain gipfelt. Es ist die erste Gratwanderung zwischen aufrichtiger Emotion und Pathos, bleibt aber noch im Rahmen. „Unter Druck“ ist deshalb ein solider Popsong, der von den Drums nach vorne getrieben wird, die letzte Raffinesse aber vermissen lässt. Trotzdem ist der Track ein euphorischer Opener, der nicht zuletzt wegen der Backing-Vocals und der einladenden Gesangsmelodie im Hauptteil live für ein echtes Gemeinschaftsgefühl sorgen kann.
Dasselbe kann man über „Mir geht’s gut (Kipp Kipp)“ sagen. Hier wird zum Mitmachen animiert, was aufgrund des einfachen, aber treffend gestrickten Refrains leicht fällt. Der wohl größte Ohrwurm des Albums, der sich mit dem Kampf gegen Zweifel oder im schlimmsten Fall auch Depression beschäftigt. Clemens Neumeister nimmt sich hier quasi der zahlreichen, meist ungefragt erhaltenen Ratschläge an, die man als Betroffene:r bekommt. „Auf den Wolken schweben ist doch kinderleicht“ – einfach positiv denken, dann wird’s schon wieder. Durch die klare Gitarren- und Basslinie wird der Track zu einem der lautesten und rockigsten des Albums, ein kluger Song mit ansteckenden Facetten.
Die Flucht vor dem permanenten Druck oder der Selbstoptimierung kommt immer wieder vor. In „hallo hallo hallo?!“ wünscht man sich einfach ins Weltall, damit man mal den ganzen Ballast loswird. Ähnlich wie im Opener verspricht Neumeister, dass er die andere Person auffängt und Unterstützung anbietet. Auch hier greift die beliebte Formel von Freude: langsamer Beginn, Ekstase im Chorus samt leichtem Vibrato in der Stimme, was zusätzliche Theatralik reinbringt, aber noch klappt. Ein Lied wie „Das Ende“ spielt die Apokalypse mit schönen Bildern durch, lässt gar eine Hochzeitskapelle Walzer zum Untergang spielen, steht sich aber mit dem sehr behäbigen und trotzdem überzogenen Refrain selbst im Weg. Der Platte hätte immer wieder eine Nuancierung gut getan: Statt alles rauszuballern, was man stimmlich drauf hat, könnte man durch etwaige Reduktionen noch mehr Nachdruck erzeugen. So kippen Lieder wie „Das Ende“, „Nie getraut zu sagen“ oder „Hast du mich noch lieb?“ ins Übertriebene, Überbordende.
Sehr bitter, weil Balladen Neumeister eigentlich liegen sollten. „Nie getraut zu sagen“ vertraut aber viel zu sehr auf das Vorhersehbare, auf ein schunkelndes Moment. Zwischenzeitlich könnte man bei solchen Songs glauben, Wincent Weiss übt sich im Deutschrock-Pop. Dank der Lyrics und der Dynamik kann sich Neumeister davon aber abheben. Dass es in „Hast du mich noch lieb?“ um Neumeisters vor über zehn Jahren verstorbene Großmutter geht, erschließt sich nicht aus dem Text, sondern erst aus seinen eigenen Aussagen. Ein Track über Verlustangst mit dunklem Grundton, der sich musikalisch konträr groß aufbauscht und hauptsächlich wegen seines Bombasts in den Vocals hängenbleibt. Das sind die frustrierendsten Phasen von „Unter Druck und zwischen Welten“ – das Potential, großen Indie-Pop/Rock zu liefern, wäre da, nur wählt man noch zu gerne den einfachen Weg.
Weil, Freude kann es besser: „Oh Madame“ kommt mit feiner Instrumentierung, zieht schön nach vorne und schafft den Spagat, eine textliche Eskalation auch melodisch zu übersetzen. Es ist der körperlichste, direkteste Track der Platte, da geht’s heiß zu, auch härter – und gnadenlos, aber ausbalanciert nur in eine Richtung. Das ruhigere „Du zeigst mir die Sterne“ treibt Zuneigung bis zur Todessehnsucht und wandelt immer wieder in seichtem Gewässer, nur um zum Refrain dann doch eine ehrliche Auflösung zu geben. Inhaltlich der dunkelste Song: Ein Fall vom Dach wäre weniger schlimm als ein Leben ohne den anderen. Also ja, manchmal darf das Pathos auch in den Texten Einzug halten.
Gesellschaftskritik und politische Stimmungen werden in drei Liedern eingefangen: „Land Of The Free“ widmet sich auf ironische Weise den USA, dem Konsum, Abnehmmedikamenten und Waffen samt den dazugehörigen Tragödien mit zuckersüßem Willkommensgruß. Ein bewusst gesetztes Klischee-Feuerwerk, um durch Überzeichnung den amerikanischen Traum im Jahr 2026 zu entblößen. So bissig die Lyrics ausfallen, so zahm gibt man sich musikalisch. „Optimus Prime Primat“ seziert eine Alpha-Männlichkeit aus Protein, Muskeln und Bruder-Kodex. Hier wird es wieder dynamischer, vielseitiger in Produktion und Vocals, wodurch sich das Lied auch zu den interessantesten des Albums mausert. Der Closer „Bombe auf den Kopf“ geht es schriller an und führt einen Tyrannen im Luftschutzbunker vor, der Heimatstolz und Gehorsam einfordert. Der Refrain reißt mit und bekommt durch die kurzen Wiederholungen von Backing-Vocals eine gespenstische Note – passt auch, wenn einem „die Bombe auf den Kopf“ fällt.
„Unter Druck und zwischen Welten“ deutet in vielen Passagen an, was in Freude steckt, bringt die volle Wucht aber nicht ganz auf die Straße. Wenn die Band klickt, dann richtig: Mit Neumeisters Refrains geht man gerne mit, und „Mir geht’s gut (Kipp Kipp)“, „Oh Madame“ und „hallo hallo hallo?!“ zeigen, wie viel Reibung und Dynamik möglich wären. Die Schwachpunkte liegen dort, wo alles rausgeballert wird, was die Stimme hergibt: „Das Ende“, „Nie getraut zu sagen“ und „Hast du mich noch lieb?“ kippen ins Überbordende. Eine sonst solide Platte also.
Schwache 7/10