Alex the Judge – Allesfresser
Label: Edition Raetia Srl. / 12ville

Genre: Alternative Pop/Rap
Alles auf eine Karte setzen und insgeheim hoffen, dass es klappt, aber sich vorsichtshalber dumm stellen: So ungefähr könnte man das Debütalbum von Alex the Judge zusammenfassen. Der aus Brixen stammende Südtiroler begegnet auf „Allesfresser“ Selbstzweifeln, Zukunftsängsten und der Sehnsucht nach dem Sommer von damals mit jeder Menge Humor, der ihm hauptsächlich als Selbstschutz dient. Garniert wird sein Gefühlsmenü mit feinem Indie- und Alternative-Pop, ein bisschen Rap mit R&B-Sprenkeln und der ein oder anderen Prise Funk.
Alex the Judge, bürgerlich Alexander Richter, hat zusammen mit Produzent Fabian Pichler eine vielseitige Klanglandschaft erschaffen, die von Beginn an in den Bann zieht. Sei es durch ein hüpfendes Klavier im Intro „Antipasto“ oder unterschiedliche Dynamiken und Schnörkel – man fühlt sich hier sehr schnell wohl. „Boh“ schlägt mit verspielten Synthesizern auf, die an Tyler, the Creator erinnern und schön nach vorne bouncen. Dazu kommen Alex’ Vocals, die mit einer wahnsinnigen Lockerheit vorgetragen werden, irgendwo zwischen Cro und Mac Miller. Passend zum Sound ist der Titel, ein italienisches „keine Ahnung“, das zur besten Antwort wird, bevor man sich in eine Lüge schwindelt: „Kann das weg oder soll das so? Ich will nicht lügen, also sag ich boh“. Alex schreibt laut Text zwar nur an schlechten Tagen, dafür aber Romane und vor allem mit viel Witz und (Selbst-)Ironie.
Der titelgebende Track hat den Swag eines guten bbno$-Tracks und lädt zum Tanzen ein. Der Text dazu handelt von einem, der alles in sich hineinfrisst und nie gelernt hat, etwas rauszulassen. Fastfood schmeckt gut, auch wenn’s nicht unbedingt gesund ist. Im Fall von Alex bedeutet das: Gefühle à la carte. Als Vorspeise gibt es Schluckauf als Kunst, dann ein gezieltes Verrennen, als Hauptgericht das Ertappen beim eigenen Lügen und zum Dessert eine verbrannte Liebe. Schwer zu verdauen, zumal es noch in Beef mit sich selbst endet. Aber offenbar schmeckt ihm dieses Menü und er vertröstet sich auf ein anderes Leben, in dem er dann erst alles besser macht. Im Hier und Jetzt wird geschlemmt, auch wenn einem schlecht wird. Musikalisch bekommt man Appetit auf einen Nachschlag.
In „Geht noch dümmer“ dominieren die Selbstzweifel und eine gewisse Resignation: Alle um Alex herum machen Karriere, er ist broke, aber hält sich für was Besonderes. Bevor man sich aber noch weiter erklären muss, stellt man sich lieber dumm, dann wird nicht lange nachgefragt. Seine Idee, um aus der finanziellen Misere zu kommen: Fußbilder auf OnlyFans verkaufen. In der zweiten Strophe gibt’s tatsächlich ein kleines Tyler-Sample-Fragment, das klug eingebunden wird. Leider endet der Track aber schon nach etwas mehr als zwei Minuten ziemlich abrupt. Hier wäre durchaus noch eine Passage mehr wünschenswert gewesen.
Dafür folgt mit „Wundheilsalbe“ der längste Song der Platte mit über dreieinhalb Minuten. Nicht nur deshalb einer der Schlüsseltracks von „Allesfresser“, sondern auch aufgrund der Aussage: Auch wenn Alex betont, dass es sich hier um kein Liebeslied handelt, muss man ihm sehr schnell widersprechen. Ein schönes, aufrichtiges Lied über Freundschaft oder Liebe, die zu interessanten Geständnissen führt: Alex würde gern nach Venedig ziehen, aber die Angst vor Tauben hält ihn davon ab. Dieses Lied ist von der Gitarre und dem verspielten Bass geprägt, ein ausgewogener Drang nach vorne baut sich zu einem Verzerrungs-Höhepunkt am Ende auf, der Alex auch gesanglich aus sich ausbrechen lässt. Vor allem durch den Bass wird man an Tame Impala erinnert, was vermutlich kein Zufall ist, erklärt er doch im folgenden Interlude, dass er sogar schon einmal auf derselben Bühne wie Kevin Parker gespielt hat. Also nicht gleichzeitig, sondern mit großem Abstand: Parker stand dort bereits vor rund 15 Jahren, Alex erst lange danach. Trotzdem bringt Alex das ins Grübeln: Ist es ein Fehler, Träume zu haben?
Wenn man lyrisch so treffsicher unterwegs ist und dann auch noch rappen kann, sollte sich Alex aber fürs Erste nicht mit einem Plan B beschäftigen müssen. In den Strophen liefert er permanent ein Wechselspiel aus Druck und Entlastung, kann verschiedene Aussagen mit seinem Vortrag betonen – dafür fallen die Hooks gerne einmal etwas seichter oder weniger ausgeklügelt aus. So nehmen sich Tracks wie „Kalte Welt“ oder vor allem „FIFA 16“ sehr viel von einem eigentlich gelungenen Aufbau. Beide Songs bieten mitunter die spannendsten Kompositionen in den Strophen, nur um durch sehr poppige Vocals im Hauptteil abzufallen.

Trotzdem ist „Allesfresser“ bis zum Ende ein Album, das man gerne hört. „Kopf & Kragen“ bringt endlich mal mehr Selbstbewusstsein, Alex setzt alles Money auf sich und geht gern das Risiko ein, zu scheitern („falls ich mich hinpacke muss es laut sein weil dann will ich dass es jeder hört“). Indie-Rock-Rap, der wie im Flug vergeht und in „Not That Deep“ fortgesetzt wird. Dort rechnet er mit mehr stimmlichem Nachdruck mit dem Selbstmitleid ab, unterlegt vom Mantra des Titels, mit einem Seitenhieb auf den eigenen Vergleich und ein paar kleinen Punchlines („Cry me a river, nepo baby, take a Step outside“).
Obwohl Alex in mehreren Tracks betont, noch nie verliebt gewesen zu sein, bittet er in „Autogrill“ eine „Mamacita“ ziemlich deutlich, noch nicht zu gehen. Antreibender Beat, sehr sommerliche Stimmung, teilweise ein paar Bausa-Vibes – man fühlt sich mit Alex wohl an der Raststätte. Auch in „Schneckenpost“ behandelt er die Liebe, rückt aber seine Verplantheit ins Zentrum. Im Kopf ist Chaos, er ist schnell abgelenkt, verliert sich in Sidequests, will aber noch einmal loswerden, dass es da wen gibt, der ihm nicht egal ist. Das Lied geht nahtlos in „Delivered“ über, die Post scheint schlussendlich bei der Adressatin angekommen zu sein.
Ein Menü der Art von Alex the Judge mag der Gesundheit zwar nicht förderlich sein, musikalisch betrachtet kann man sich „Allesfresser“ aber ohne Bedenken reinpfeifen. Zwar fehlen die echten Highlights, dafür bekommt man ein durchgängig hohes Niveau geboten, das nur von mancher Hook etwas nach unten gedrückt wird. Wäre dieses Album im Sommer erschienen, hätte es sich ohne Probleme mit den besten Platten der Jahreszeit messen können. So kann man aber wenigstens den Herbst noch mit warmer Coolness bestreiten.
Starke 7/10